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Die Binnenschiffahrt war bereits im Altertum ein wichtiger Bestandteil der europäischen Transport- u. Handelswege. Soweit sich Spuren alter Handelsverbindungen durch den europäischen Kontinent zurückverfolgen lassen, finden sie sich vorwiegend an die Flußtäler geknüpft.

Beschreibung

So ging der Bernstein- und (in umgekehrter Richtung) der Bronze- und Goldhandel seit spätestens 1500 v. Chr. von der Nordseeküste die Elbe und Moldau (z. T. auch die Saale) aufwärts zur Donau und dem Mittelmeergebiet, gleichzeitig weiter im Osten durch das Weichseltal, später und in geringerem Grade durch das Rheintal.

Inwieweit man sich beim Handel auf den Flüssen mit dem Schiff oder auf etwaigen Landwege längsseits bewegte, ist eine offene Frage. Nach der Analogie aus römischer und vor allem fränkischer Zeit kann man annehmen, daß vorwiegend das erstere der Fall war. Auch der Zinnhandel von Cornwall durch Gallien in den letzten Jahrhunderten v. Chr. bediente sich zum Großteil der gallischen Ströme (bes. Loire und Garonne).

Römische Kaiserzeit

In der Römischen Kaiserzeit fand eine beträchtliche Binnenschiffahrt auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen statt. Als Caesar 55 v. Chr. mit seinem Heer den Rhein überschreiten wollte, boten die Ubier an, ihm die dazu nötige große Zahl von Fahrzeugen zu stellen (De Bello Gallico 4, 16). Der Leinpfad an der Mosel stammt noch aus römischer Zeit (Ausonius Mosella) und ebenso möglicherweise der des Rheins unterhalb Koblenz.

Neptunstein Ettlingen

Neptunusstein an der Brücke zu Ettlingen

Auf der Igeler Säule ist das Treideln eines Kahnes auf der Mosel dargestellt, auf einer Skulptur von Neumagen a. d. Mosel (das Neumagener Weinschiff) ein mit großen Weinfässern beladenes Schiff [1].

Der römische Neptunusstein an der Brücke zu Ettlingen berichtet von einem contubernium nautarum (Schutz für Seeleute) und die gleichen Genossenschaften sind am unteren Inn und der Salzach bezeugt. Bei dem römischen Alenlager Asciburgium (Asberg gegenüber Duisburg), das seinen Namen von der Schiffsart ascus trug, befand sich ein alter, vermutlich schon vorrömischer Flußhafen (Tac. Germ. cap. 3). [2]

Auch wurde auf dem Rhein bei Alteburg (2 km südl. Köln) durch Drusus eine römische Flotille (classis Germanica) stationiert, die während des Bataveraufstandes heftige Kämpfe gegen die germanischen Flußfahrzeuge zu bestehen hatte und bis ins 4. Jh. nachweisbar ist. Den Endpunkt der rheinischen Flussschiffahrt und den Ausgangspunkt des Seeverkehrs scheint Nimwegen (Noviomagus) gebildet zu haben.

In ähnlicher Weise ist Binnenschiffahrt der Germanen auf der Ems und auf dem Bodensee bezeugt, wo Tiberius eine Flotte der keltischen Vindelicier besiegte (Strabo Geogr. VIII, 5). Römischer Handel drang außerdem vom Niederrhein und der Nordsee die Ströme Ems, Weser und Elbe hinauf nach Innerdeutschland, und die Donau scheint dem Getreidehandel als Wasserstraße gedient zu haben.

Frühmittelalter

Mit dem Niedergang der römischen Herrschaft verfiel anscheinend auch die Binnenschiffahrt im westlichen Germanien und Gallien. Erst in der Zeit der Karolinger blühte sie von Neuem auf, und nun um so mehr da in dieser Periode die ehemals vortrefflichen Landstraßen der Römerzeit nicht mehr zur Verfügung standen. Seit dem 8. Jh. ist die Verwendung der Flüsse zunächst für Reisen hochstehender Persönlichkeiten und zu militärischen Zwecken vielfach bezeugt.

Karl der Große und seine Nachfolger bedienten sich der Schifffahrt auf der Donau zu Feldzügen gegen die Avaren und Mährer (791, 872 und 899), auf der Elbe und Havel gegen die Wenden (789), wobei friesische Schiffer Dienste leisteten. Auch zu der Unternehmung eines Donau-Mainkanals (s. Wasserstraßen) veranlaßten Karl der Große wohl hauptsächlich militärische Erwägungen. Daher ordnete auch ein Kapitular von 813 (c. 10) die Haltung guter Schiffe für die Heerfahrt an.

Der Dänenkönig Harald Klak (ca. 800–846) segelte 826 mit über 100 Seeschiffen den Rhein hinauf bis Mainz, und die Ströme dienten den Normannen bei ihren Raubzügen während des 9. Jhds. in erster Linie als Eingangswege. Es steht fest, dass sie mit ihren Seeschiffen von mindestens 1,00 bis 1,20 m Tiefgang flußaufwärts fuhren:

Auf dem Rhein bis Koblenz, auf der Maas bis Maastricht, auf der Dyle bis Löwen, auf der Scheide bis Condé, im Flußgebiet der Seine auf der Oise bis Noyon, auf der Yonne bis Sens, sowie in den Loing, auf der Loire bis über Orléans hinaus, auf der Garorine bis Toulouse, auf der Rhone bis Valence. Gleichzeitig bedienten sich die normannannischen Waräger der russischen Ströme zu Fahrten bis ins Schwarze Meer.

Nutzung

Aber auch zu friedlichen Handelszwecken gewann die Binnenschiffahrt in der Karolingerzeit sichtlich an Ausdehnung. Sie diente zunächst der lokalen Versorgung der an Flüssen gelegenen Klöster und anderen Siedlungen mit Salz, Wein usw. Äußerst zahlreich sind die karolingischen Urkunden, durch die Klöster und Kirchen zur Binnenschiffahrt auf bestimmten Flüssen oder im ganzen Reich, meist für eine gewisse Zahl von Schiffen (2 bis 12) unter Zollerlaß usw. privilegiert werden.

Aber an gewisse, zur Ausfuhr geeignete Produkte knüpfen sich auch weitere Binnenschiffahrtsbeziehungen. Aus einer Zollverhandlung zu Raffelstätten (a. 903/6, MG. Capit. r. Franc. II 249 f. [3]) ergibt sich, dass auf der Donau Binnenschiffahrt mit Salz, Sklaven, Rindern usw. aus Bayern in die Ostmark, bis nach Mähren und weiter getrieben wurde.

Ähnliches scheint auf dem Obermain der Fall gewesen zu sein, und auf dem Rhein war es vor allem der Handel mit Elsässer-, Rhein- und Moselwein, der der Flußschiffahrt ständig wachsende Bedeutung, verlieh. Auch Flößerei mag schon stattgefunden haben, wenigstens erwähnt Ermoldus Nigellus (MG. Poet. lat. II 83) [4] als Ausfuhrgegenstände von Elsaß zum Niederrhein lignea tecta ('hölzernes Dach') und robur sectum ('starke Bretter').

Träger dieser Flussschiffahrt waren vor allem die Friesen, die in den wichtigsten Rheinstädten (Mainz, Worms, Köln usw.) eigene Quartiere besaßen und die Rheinschiffahrt mit Wein bereits bis England (London, York) ausdehnten. Der Koblenzer Zolltarif vom Ende des 11. Jhds. zeigt die weitreichenden Verkehrsbeziehungen der Rheinschiffahrt fest begründet. [5]

Auch auf der Weser und Leine ist friesische Binnenschiffahrt bis Elze im 9. Jhd. nachweisbar, (Ann. Saxo MGS. VI 571 [6]) und für die Elbe steht Binnenschiffahrt zu Handelszwecken Ende des 10. Jhds. fest.

Pilgerverkehr

Die Wasserstraßen dienten auch dem Pilgerverkehr, und das Kapitular von 789 (MGH. Capit. reg. Franc. I 65 c. 17 [3]) ordnete die Unterhaltung von Schiffen für die Wallfahrer an.

Fährverkehr

Eine große Rolle spielte schließlich auch der Fährverkehr, die Fährgerechtigkeit samt Zoll stand ursprünglich dem Könige zu, wurde aber von diesem schon im 8. Jhd. gelegentlich durch Verleihung weitergegeben.

Flusszölle

Die Wasserstraßen wurden im fränkischen Reich als Reichsbesitz betrachtet, und da sie ohne Leinpfad (Treidelpfad) nicht benutzbar waren, so galt die Ausscheidung von Uferland zum Leinpfad und die Verleihung desselben als Recht des Königs. Das ganze karolingische Einnahmesystem war auf die Benutzung der Wasserstraßen begründet. Die Namen der Flusszölle sind sehr unterschiedlich, ein allgemeiner Name scheint ripaticum gewesen zu sein. Die Zahl der Rheinzölle war in karolingischer Zeit bereits beträchtlich. Außerdem galt allgemein auf den Wasserstraßen das Strand- oder Grundruhrrecht, das nur gelegentlich durch besondere Verleihung aufgehoben wurde.

Fahrzeuge

Die Aussage, welche Fahrzeuge genau zur Binnenschiffahrt gebräuchlich waren, ist mitunter schwer zu beantworten. Weit verbreitet waren natürlich von altersher Einbäume. Zudem werden vielfach einfach gezimmerte Schiffe Verwendung gefunden haben, die nur zur Talfahrt bestimmt waren (s. Schiffbarkeit der Flüsse). In der Karolingerzeit besaßen höherstehende Personen bereits besser eingerichtete Fahrzeuge für ihre Wasserreisen.

So schenkte der Erzbischof von Köln 826 dem Bischof Ansgar von Hamburg-Bremen für seine Reise rheinabwärts nach Dänemark ein Schiff mit zwei Kajüten (MGS. II 695 [6]). Aus einer Verordnung Ottos II. etwa 980 geht hervor, dass auf der Fulda bei Hersfeld Schiffe von 3 Fuß Raumtiefe (tripedalem mensuram in fundo habentes) verkehrten.

Auch Schiffe, die zum Überschleppen über den Landrücken zwischen zwei Wasserstraßen in vier Teile zerlegbar waren, werden erwähnt (Vita Hlud. c. 15 MGS. II 614 [6]). Die Fortbewegung der Schiffe bergwärts geschah durch Treideln, entweder durch die Schiffsknechte (z.B. auf dem Rhein 9. Jhd.) oder auch durch Zugtiere. Auch die Normannen treidelten 893 ihre Schiffe den Limenefluß in Kent aufwärts. (Vgl. Schiffbarkeit der Flüsse, Wasserstraßen).

Verwandte Themen

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Rheinisches Landesmuseum Trier. 36 Taf. I 1
  2. Tacitus, De origine et situ Germanorum (Germania), cap. 3. Übersetzung "Die Germania des Tacitus". Anton Baumstark: Freiburg 1876. Digitalisat auf Wikisource.
  3. 3,0 3,1 Monumenta Germaniae Historica (MGH). Capitularia regum Francorum (Capit. r. Franc.)
  4. Monumenta Germaniae Historica (MGH). Poetae Latini medii aevi (Poetae) II 83
  5. Hansisches Urkundenbuch I n. 5, III, S. 388
  6. 6,0 6,1 6,2 Monumenta Germaniae Historica (MGH). Scriptores (in Folio) (SS)
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