Mittelalter Wiki
Advertisement
Mittelalter Wiki

Die Literaturdenkmäler der Deutschen Schrift sind wichtige Zeugnisse der Deutschen Sprachentwicklung. Diese unterscheidet die Sprachgeschichte in folgende Perioden:

  • Althochdeutsch (ahd.): 750-1050
  • Mittelhochdeutsch (mhd.): 1050-1350
  • Frühneuhochdeutsch (fnhd.): 1350-1650
  • Neuhochdeutsch (nhd.): ab 1650 [1]

Beschreibung

Die überlieferten altdeutschen und mittelhochdeutschen Literaturdenkmäler wurden gänzlich in lateinischer Schrift verfasst, wie es das ganze Mittelalter hindurch üblich war. Im Gesamtcharakter wie in den Typen der einzelnen Buchstaben gleicht sie völlig der lateinischen Schrift der betreffenden Zeitabschnitte.

Majuskel- bzw. Kapitalschrift

  • Römische Majuskel (7. Jh.v.Chr. bis 5. Jh.n.Chr.), Capitalis [2]

Römische Majuskel (Kapitalschrift, 4. Jh.) [3]

Erst allmählich setzen sich in vereinzelten Anfängen Versuche durch, Sonderformen der nationalen Sprache auch graphisch auszudrücken. Daher geht die Gesamtentwicklung der deutschen Schrift von der lateinischen aus. In den ältesten erhaltenen Denkmälern tritt diese als reine Majuskelschrift (Großbuchstabenschrift) entgegen, in den Formen der sog. (römischen) Kapitale. Die Majuskelschrift war in ihren Grundformen zunächst zu epigraphischem Zweck, zur Meißelung in Erz und Stein, bestimmt. Bei ihrer Übernahme auf die literarischen Schreibstoffe (Papyrus, Pergament) aber hemmte sie das Schreiben durch die überwiegenden geraden Linien und steten Ecken und damit neuen Ansetzens im Duktus. Eine solch schwerfällige Schrift war für die Geschäftschriften des täglichen Lebens unpraktisch, weshalb schon früh Versuche der Vereinfachung und Umformung auftreten.

Kapitalkursive

  • Römische Kapitalkursive (1. bis 4. Jh.), Capitalis Cursiva, ältere römische Kursive, Majuskelkursive,

Die weitere Erfoschung der Majuskelentwicklung gestaltete sich insofern schwierig, da zwischen den seit 1752 bekannten halbverkohlten Herculanensischen Papyri aus dem 1. Jh. und den aus dem 5. bis 10. Jh. überlieferten Papyri im Archiv der Kanzlei des Erzbistums Ravenna lange eine Lücke von einem halben Jahrtausend klaffte, und die zwischen 1820 und 1855 gefundenen Siebenbürgischen Wachstafeln (Roșia Montană) aus dem 2. Jh. [4] in ihren von Maßmann enträtselten Sonderformen außerhalb der allgemeinen Schriftentwicklung zu stehen schienen. Erst Ende des 19. Jhs. brachten weitere Papyrusfunde Klarheit daüber. Inzwischen liegen in fast lückenloser Reihe vielfach genau datierte Beispiele lateinischer Schrift vom 1. bis 6. Jhd. vor, die den allgemeinen Vereinfachungsprozess der Majuskelschrift erkennen lassen. So zeigte sich, dass sich aus der römischen Kapitale die Kapitalkursive (ältere römische Kursive, Majuskelkursive) absonderte.

Unziale

  • Hauptartikel: Unziale (4. bis 8. Jh.)

Unzialschrift (5. Jh.) [5]

Um die Wende des 3. und 4. Jhs. wurden die Kapitalschriften für literarische Zwecke zu den Rundformen der Unziale umgestaltet, die sich dem Papyrus und Pergament viel besser anpasste. Diese blieb als Buchschrift für das 5. bis 8. Jhd. vorherrschend. Gleichzeitig zweigte sich von der Unziale auch eine teilweise veränderte Kursive ab, die jüngere oder Unzialkursive (Minuskelkursive) ab. [6]

Die wesentlichen Grundsätze der Kursive sind: Vereinfachung der Buchstabenformen und, wenn möglich, Verbindung der Buchstaben miteinander, zum Teil um den Preis starker Umformung der Buchstaben, die diese Verbindung eingehen. So entstand eine Schrift, die dem Bedürfnis raschen Schreibens viel besser genügte als die Kapitalschrift und Unziale, an Deutlichkeit aber meist viel zu wünschen übrig ließ. Wie fast jede Kursive alter und neuer Zeit trägt sie den Charakter einer Schrägschrift. Durch verschiedenen Misch- und Übergangsformen (Halbunziale, Halbkursive) kam zwar Vielfältigkeit in die Schrift, aber auch ein unstetes Tasten, das sich im 8. Jhd. zu einem Ringen nach einer neuen vereinheitlichten Schriftart verdichtete.

Karolingische Minuskel

Karolingische Minuskel (Saint-Martin de Tours, Anfang 9. Jh.) [7]

Diese Bestrebungen, die unabhängig von einander in verschiedenen Gebieten zu einer Einigungsbewegung drängten, wurden am Hofe Karls des Großen gegen Ende des 8. Jhs. in der Karolingischen Schriftreform, der Schaffung der Karolingischen Minuskel, zusammengefasst. Aus der ersten Hälfte des 9. Jhds. stammen auch die ersten erhaltenen Aufzeichnungen althochdeutscher Schriftdenkmäler, deren Aufzeichnung Karl der Große (747-814) anordnete.

Da man erkannte, dass zur Darstellung bestimmter germanischer Lautformen die überlieferten lateinischen Schriftzeichen nicht ausreichten, entstanden in der Folgezeit mehrere Varianten der fränkischen Minuskel mit verschiedenen neuen Lautzeichen, wie sie z.B. aus dem Hildebrandslied (wo ṕ = w erscheint) und dem Wessobrunner Gebet (dort * = ga) erhalten sind. Allerdings bereiteten auch nach der fränkischen Schriftreform in den lateinischen Texten der Urkunden die altdeutschen Namen in Form und wohl auch Schrift den Schreibern oft Schwierigkeiten. Neben der fränkischen Minuskel behauptete im 9. und 10. Jhd. nur noch die irisch-angelsächsische Schrift (insulare Minuskel) eine gewisse Sonderstellung. In ihren Schriftformen ist uns aus dem Kloster St. Gallen das fränkische Taufgelöbnis überliefert.

Von Alt- zu Mittelhochdeutsch

Auch in der Zeit zwischen dem 9. bis 13. Jh. folgten die althochdeutschen Schriftdenkmäler den Veränderungen der lateinischen Schrift und machen mit ihr den beginnenden Gotisierungsprozess mit, während sich die Sprache zum Mittelhochdeutschen entwickelte. Dabei lassen sich folgende Sondererscheinungen feststellen:

Exhortatio (Cod. lat. 6244): Fränkische Minuskel mit Lautzeichen k und ʒ (9. Jh.)

  • Buchstaben, die im Lateinischen zwar bekannt, aber nur in höchst seltenen Lehnwörtern aus dem Griechischen gebraucht wurden, wurden in die Deutsche Sprache eingegliedert: k, ʒ. Im Gebiet des baiuvarischen Schriftwesens erscheinen diese schon seit dem 9. Jh. in Sonderform.

Otlohs Gebet (Cod. lat. 14490): Frühgotische Minuskel mit w (nach 1067) [8]

  • Seit dem 11. Jhd. wurde als jüngster Buchstabe des Alphabets das w in die deutsche Schrift aufgenommen. Davor behalf man sich bis dahin hauptsächlich mit uu, daneben vv, uv (vu) und beginnenden Ligaturen von beiden. Ganz vereinzelt bildete hu = w (Bild), wie z.B. in der „Exhortatio ad plebem christianam" [9] und in der Münchener Handschrift des Heliandepos. [10] Allgemein drang die Benutzung von w aber erst im 12. Jhd. durch.

Kaiserchronik (Kloster Voran): Frühgotische Minuskel mit übergeschriebenen Diphthongbezeichnungen (12. Jh.)

  • Im 12. Jhd. bürgerten sich zur Bezeichnung der Diphthonge die übergeschriebenen Buchstaben ein.
  • Während ae und oe in lateinischen Texten im 12. Jhd. stark zugunsten von ę oder einfachem e zurückgedrängt wurden und seit Mitte des 13. Jhs. ganz verschwinden, wurden ae und oe in der mittelhochdeutschen Literatur des 13. Jhds. häufig gebraucht... zum vollständigen Artikel.

Gotische Minuskel

Gotische Minuskel (scriptura psalterialis) in der Sächsischen Weltchronik (um 1300)

Die Minuskel wurde derweil seit dem Ende des 11. Jhs., wie alle Kunstformen dieser Zeit, bewusst künstlerisch ausgestaltet. Die immer weiter fortgesetzte Schaftbrechung führte zu jener aus Spitzen und Ecken zusammengesetzten gitterartigen Schrift, die wir wegen der Wechselbeziehung zu den allgemeinen Kunstformen der Gotik (1130-1500) als die Gotische Minuskel bezeichnen. Der Züricher Konrad von Mure prägte auf diese in der zweiten Hälfte des 13. Jhs. die vielleicht beste Benennung: scriptura psalterialis („Psalterschrift“)... zum vollständigen Artikel.

Gotische Kursive

Eine so verkünstelte und in der Gestaltung der Buchstaben mühsam und umständlich gewordene Schrift aber war für die Zwecke allgemeinen Bedarfs nicht zu gebrauchen. Daher zweigte sich zu Beginn des 13. Jhs., genau zu der Zeit, da der Gotisierungsprozess der Minuskel deutlich in Erscheinung tritt, eine neue Kursive ab, die an Stelle der Brechung und Abeckung einfache gerade Striche setzte und wieder auf möglichste Verbindung der Buchstaben bedacht war: die Gotische Kursive.

Sie wurde die Schrift der Konzepte, Register, Rechenbücher und dgl., aber auch zu literarischen Aufzeichnungen dann gebraucht, wenn das Bestreben nach rascher Niederschrift im Vordergrund stand. Wie im Schriftwesen des Frühmittelalters bildeten sich auch nun zahlreiche Mischformen zwischen den beiden Extremen aus. Diese jedoch im einzelnen in ein bestimmtes System zu bringen, ist kaum möglich; man kann höchstens danach unterscheiden, ob der Grundcharakter der Minuskel oder der Kursive überwiegt.

Gotische Majuskel

Die Gotische Majuskel war eine rein epigraphische Schrift des 13. bis 14. Jhs. Ihr stehen auf Inschriften frühgotische (Ende des 11. bis 13. Jh.), hochgotische (14. Jh.) und spätgotische (16. Jh.) Minuskeln gegenüber. [11] Die zum Ausgang des Mittelalters hin immer häufiger verwendeten Majuskelbuchstaben erfuhren durch Gotik und Gotische Kursive eine besonders starke Umgestaltung. [12] Es ist gerade hier oft nicht leicht, aus dem Beiwerk von Zierstrichen und Schnörkeln die entscheidende Grundform herauszuschälen.

Renaissanceminuskel

Renaissanceminuskel (Giovanni II Bentivoglio, um 1500)

Als Gegenbewegung zu der verkünstelten gotischen Schrift und der Unschönheit der Gotischen Kursive wurde im Kreise der Florentiner Humanisten zu Beginn des 15. Jhds. der Grund zu einer neuen Schriftreform gelegt. Man griff als Vorbild auf die regelmäßige Minuskel des 11. bzw. Beginn des 12. Jhs. zurück, beseitigte die Brechungen und Ecken und setzte an deren Stelle die ursprünglichen Grundformen wieder ein. Man dämmte das Übermaß der starken und zahlreichen Kürzungen auf eine geringe Zahl der einfachsten und gebräuchlichsten ein und säuberte die Orthographie und Interpunktion. So entstand die sog. Renaissanceminuskel oder Humanistenschrift. Diese Schriftart wurde das Vorbild für die Erneuerung der lateinischen Schrift und die Schaffung des lateinischen Buchdrucks.

Renaissancekursive

Ebenso entwickelte sich die Schreibschrift und so zweigte sich von der Renaissanceminuskel eine Renaissancekursive ab, die unter Verbindung der Einzelbuchstaben die klaren Grundformen und charakteristischen Rundungen ihres Vorbildes beibehielt. In dieser Weiterbildung als Kursive wurde sie schon in den Kanzleien am Ende des 15. Jhs. gebraucht und in den romanischen Ländern bald allgemein zur lateinischen Schrift. Der Gotisierungsprozess der Minuskel hatte seinerzeit weder von Deutschland seinen Ausgang genommen noch erfuhr sie ihre schärfste Durchbildung. Entscheidend aber wurde das zähe Festhalten über das 15. Jh. hinaus. In ihrer steten Übung und Weiterbildung wurde so die gotische Kursive zur deutschen Schrift.

Frakturschrift

Frakturschrift (1504-1515)

Zu Beginn des 16. Jhs. setzte sich langsam die Frakturschrift im deutschsprachigen Raum durch, die bis zum Anfang des 20. Jhs. die meistbenutzte Druckschrift blieb. [13] Sie ist eine dem deutschen Schriftwesen des ausgehenden Mittelalters und der Reformationszeit eigentümliche Weiterbildung der gotischen Zierschrift.

Quellen

  • Deutsche Schrifttafeln des IX. bis XVI. Jhds. (Digitalisat UB Düsseldorf) aus Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München (V. Abteilung): Deutsche Schrifttafeln aus Papierhandschriften des XIV. bis XVI. Jahrhunderts. Hrsg. Erich Petzet, Otto Glauning. Mit einem Anhang: Gesamtverzeichnisse für Band I-V, Leipzig 1930, Taf. LI (mit Abdruck von Bl. 205v-206r)
  • Die ältesten deutschen Sprach-Denkmäler (UB Augsburg) in Lichtdrucken herausgegeben. Magda Enneccerus. Frankfurt a. M. 1897; 44 Lichtdruck-Faksimiles auf 18 Tafeln, Hildebrandslied bis Otfrids Evangelienbuch.
  • Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 1. Auflage, 4 Bände. Johannes Hoops. K. J. Trübner, Straßburg 1911-1919. Bd. I, S. 395 ff.

Einzelnachweise

  1. Wikipedia: Deutsche Sprache (Geschichte)
  2. Wikipedia: Majuskelschrift
  3. Aus dem Cod. Berolin. lat. Fol. 416, Virgil Georgien. Text: Hic vel ad Elei metas et maxima campi.
  4. Wikipedia: Roșia Montană
  5. Aus dem Cod. Paris, lat. 5170, Livius XXI 21.
  6. s.a. Arndt-Tangl, Schrifttafeln zur Lateinischen Paläographie, Text zu Tafel 32 A.
  7. Nach einem Codex der Kölner Dombibliothek (CVT), geschrieben in der Schreibschule des Klosters Saint-Martin de Tours (Werke Alkuins)
  8. Otlohs Gebet (Cod. lat. 14490) der Münchener Hof- und Staatsbibliothek.
  9. Petzel und Glauning. aaO. Tafel 2
  10. Münchner Heliand Handschrift (Cgm 25. Fitte 50) in der Bayerischen Staatsbibliothek in München
  11. Wikipedia: Majuskelschrift
  12. Vornholt, Die Initialen und Großbuchstaben der lateinischen Buchschrift in ihrer Entwicklung bis zur Frakturschrift. Greifswalder Dissertation, 1907.
  13. Wikipedia: Fraktur (Schrift)
Advertisement