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Crystal keditbookmarks Dieser Artikel wurde am 9. Januar 2012 als Spotlight vorgestellt.

Dietrich von Bern ist einer der Haupthelden der deutschen Sage. Er stammte aus dem Geschlecht der Amelungen (s. Amaler) und bildet den Mittelpunkt des ostgotischen Sagenkreises. Nach der älteren Sage ist er Dietmars (d. h. Theodemers) Sohn, nach späterer Erzählung von einem Dämon gezeugt; aus seinem Munde schießt Feuer, sobald er zornig wird.

Geschichte

Schon als Jüngling kämpfte er mit dem Riesen Sigenot und mit dem Recken Ecke, später im Rosengarten zu Worms auch mit Siegfried dem Drachentöter. Vor Ermanarich, dem Bruder seines Vaters, mußte er aus seinem Reich in Italien nach Ungarn fliehen, wo er samt seinen Mannen (darunter der alte Hildebrand) von Etzel, dem König der Hunnen, gastlich aufgenommen wurde. Ein Kriegszug gegen Ermanarich, zu dem ihm Etzel ein stattliches Heer mitgegeben, mißglückt, und er muß wieder zu den Hunnen zurückkehren. Später rückt er mit einem neuen Heere nach Italien, erobert nach einer gewaltigen Schlacht die Stadt Raben (Ravenna), vertreibt Ermanarich und nimmt sein Reich wieder in Besitz.

Nibelungenlied

Dietrich ist auch in die burgundisch-fränkische Siegfriedsage verflochten worden, und so begegnet uns seine gewaltige und doch bescheidene Gestalt, mit sichtlicher Vorliebe gezeichnet, im zweiten Teil des "Nibelungenliedes" an König Etzels Hof. In dieser Erzählung entstand das Porträt des sagenhaften Dietrich. Es liegt weit ab von den typischen Umrissen der jugendlichen Idealkrieger, wie z.B. Siegfried, Walther, Beowulf, Hagbard, Hialmar oder Helgi Hundingstöter und ebenso von den durchfurchten Zügen der Meister, die in der Starkadsage gipfeln.

Es ist eine Verbindung von Milde und Kraft, mit der man nur das Bild Hrolfkrakis vergleichen kann. Aber bei Dietrich kommt dazu jener Unterton von Dulden, der ihm die tiefe Resonanz gibt. Wieweit diese vornehme, etwas schwere, halbdunkle Fürsten-, nicht Kämpenart, eine Synthese von altem Germanen und christlichem Ritter, in Dietrichs Exillied aus dem 6. Jhd. vorbereitet war, steht dahin. Schon der geschichtliche Theoderich war maßvoll und tapfer, selbstbeherrscht und leutselig. Aber auch aus der gegebenen epischen Rolle war das Porträt der Dichtung, wie man es kennt, herauszuspinnen.

Realer Hintergrund

Die Hauptgrundlage seiner Sagengestalt bildet die historische Persönlichkeit des ostgotischen Königs Theoderich der Große (454—526 n.Chr.), der seinen Sitz in Verona hatte, das im Mittelalter Bern hieß. Diese Sagenbildung um Theoderichs Person fand nach dem 6. Jhd. statt, allerdings ist nicht eindeutig geklärt, ob er durch sein eignes Volk in die Heldendichtung eingeführt wurde, oder erst durch die deutschen Nordnachbaren. Der große Heldenkatalog der Widsith-Dichtung (6. / 7. Jhd.) kennt ihn jedenfalls noch nicht [1].

Erst das Gedicht von "Waldere" (um 1000) und "Deors Klage" (10. Jhd.) setzen Dietrich als bekannt voraus. Die Strophe des schwedischen Röksteins (ca. 900) kennt neben Theoderichs Reiterstandbild auch zwei Namen der epischen Überlieferung (Māringar, Hraiþmar), zielt aber auf keine Sage von Dietrich ab. Insoweit jedoch allerlei Riesen- und Drachensagen zu ihm in Beziehung gesetzt worden sind, hat seine Gestalt auch mythologische Züge in sich aufgenommen.

Sagenkreis

Im Laufe der Zeit sammelte sich um Dietrich ein großer Sagenkreis, dem die deutschen Dichter des Mittelalters mit Vorliebe ihre Stoffe entlehnten. Und selbst die Bauern singen und sagen noch spät von dem treuen, volkstümlichen Helden. Z.B. von:

Cod. Pal. germ. 067, fol. 051r - Sigenot

Dietrich von Bern verspottet den Riesen Sigenot (Zeichnung um 1470).

Ein sagenkundiger Isländer wie Snorri Sturlson wußte von Dietrich zwar vielleicht nicht einmal den Namen. Doch war er in Deutschland gleichzeitig der meistgenannte Held. Seine Epen wiegen an Zahl alle übrigen auf. Diese deutsche, vorwiegend oberdeutsche, Dietrichdichtung strömt von 1250 ab in den skandinavischen Norden: Es entstand das große Sammelwerk der Dietrichssaga, aber auch eine Reihe dänischer Dietrichsballaden.

In Deutschland, als die Heldensage sank, verkörperte er vor allen Anderen, jenen "van dem die bueren so vil singent", die Vorstellungen von fernen Heldentum. Doch denkt man dabei auch an die unheroischen Geschichten mit Riesen und Zwergen, nicht an die strengen, hohen Züge, die noch die Epenzeit an ihrem Liebling kannte.

Dietrichs Abenteuer mit Riesen, Zwergen und Drachen, die den Inhalt mehrerer mittelhochdeutscher Epen und Abschnitte der Thidrekssaga bilden, sind hauptsächlich spielmännische Neuschöpfung des 12. und 13. Jhds.. Das Eckenlied kann ebenso der urkundliche Name altenglisch Ecga, Ecca, althochdeutsch Eggio, Ecko nicht als alt erweisen, zumal der Sagenname eine Erfindung zum Schwert Eckesahs ist. Die Episode der isländischen Hrólfs saga Gautrekssonar (c. 35 ff) [2], die mit einem Stück der Virginal verwandt ist, gelangte um ca. 1200 nach Island, auch das Hyndluliodh (22. 25) fordert kein höheres Alter.

Dagegen die halbklare Anspielung des Waldere B: "Witege empfing Lohn von Dietrich dafür, dass er ihn aus Klemmen los machte; durch das Gefilde (?) der Unholde eilte er (Dietrich?) davon" ist wahrscheinlich so zu fassen, dass Dietrich bei Riesen gefangen war und von Witege befreit wurde. Von den drei vergleichbaren Erzählungen mittelhochdeutscher Epen (in Virginal, Sigenot, König Laurins Rosengarten) steht am nächsten Virginal (314 ff.) nebst der Variante von Alpharts Tod (252 f.): Witege befreit Dietrich (und Heime) aus Kerkerhaft bei einem Riesen.

Der Kern dieser Geschichte wird nur das "Gedicht von Waldere für das 9. Jhd. bezeugt. Der Anstoß dazu, dem Helden der lebenstreuen Exilsage ein Trollenabenteuer anzudichten oder anzuhängen, verbirgt sich den Forschern; brachte Witege die Riesensage mit? Bei dem spätem Aufsprießen von Drachen- und Zwergenkämpfen kann der Wunsch gespielt haben, nach dem Vorbild des jungen Siegfrieds auch den jungen Dietrich mit märchenhaft bunten Lehrjahren auszustatten.

Sagengruppen

Dietrich wurde im Hochmittelalter zum sagenreichsten aller germanischen Helden. Dabei unterscheidet man folgende Stoffgruppe:

  • 1. Die Stammsage Dietrichs, die ihn als Gestalt der Heldendichtung kreiert hat: die sog. Exilsage im althochdeutschen Hildebrandslied (um 840 n.Chr.).
  • 2. Anschließend zur Exilsage schuf man weitere Fabeln, worin Dietrich die oder eine Hauptperson ist, und womit man seine Jugend- oder auch seine Verbannungsjahre ausfüllte. Hierher gehören die mythischen oder märchenhaften Dietrichsgeschichten, die am dem 9. Jhd. auftauchen. Dann die späten, niederdeutschen Dichtungen von Dietrichs und Attilas Wilzenkämpfen, die außerhalb der heroischen Sage fallen (s. Attila). Ferner die ebenfalls jungen Kämpfe, deren Hauptmotiv ist Dietrichs und seiner Mannen Wettstreit mit Siegfried und den Seinen. Für sich steht die schalkhafte Spielmannsnovelle von Herbort, die wohl von Anfang an den Berner für diese quasi Marke-Rolle erkor.
  • 3. Sagen von den Dietrichhelden, in denen Dietrich selbst nur Nebenfigur ist oder sein Schicksal nur den Rahmen hergibt: einerseits das Jüngere Hildebrandlied, die von Dietrich einst unabhängige Vater-Sohnsage (s. Hildebrand), anderseits die zu Dietrich erst hinzugedichteten Erzählungen von Alphart, wie er auf der Warte sein Leben läßt, und von Heime, Witege, Dietleib, wie sie den jungen König von fernher aufsuchen und seine Mannen werden.
  • 4. Schließlich wurde Dietrich mit einer gewichtigen Nebenrolle hereingezogen in die oberdeutsche Gestalt der Burgundensage (Nibelungenlied), und hier fand man für ihn seine größte Heldentat, die Bezwingung der beiden letzten Burgunden.

Sagenübersicht

Cod. Pal. germ. 359, fol. 057v - Rosengarten zu Worms, Zweikampf

Rosengarten zu Worms: Zweikampf zwischen Hildebrand und König Gibeche (um 1418).

  • Hildebrandslied: Dietrichs Exil (um 840). Dietrich wird aus seinem Reich in Italien vertrieben, um dann wieder nach einer langen Exilzeit von 30 Jahren zurückzukehren. Die Sage erzählt von einer legitimen Rückkehr des Herrschers und so wird aus der Eroberung Italiens eine innergotische Sage.
  • Runenstein von Rök: Überlieferung von Hraiþmar und Māringar im Zusammenhang mit Theoderichs Reiterstandbild (ca. 900).
  • Walthari-Lied: "Gedicht von "Waldere" (um 1000). Altenglische Version der Sage von Walther und Hildegund. Hier wird erzählt, dass Theodric Widia (Wittich) ein Schwert übergeben wollte, weil Widia, Sohn Wielands, ihn aus der Gewalt von Riesen befreit hatte. Dass Dietrich in Gewalt von Riesen war, wird sonst erst in den mittelhochdeutschen Epen des 13. Jhs. (Sigenot, Virginal) erzählt. Dass der Waldere-Text eine solche Episode erwähnt, zeigt, dass auch die Überlieferung der Abenteuer Dietrichs auf frühe Quellen zurückgeht und nicht erst im 13. Jh. entstand.
Dietrich von Bern und Alfrich, Walhallgermanisc1888dahn p515

Thidrekssaga: Dietrich von Bern fängt Alberich

  • Lieder-Edda: Gudruns Gottesurteil im Gudhrûnarkvidha thridhja (Drittes Gudrunenlied), (13. Jhd.). Hierin reinigt sich Gudrun (Kriemhild der Nibelungensage) von dem Vorwurf, mit Dietrich geschlafen zu haben.
  • Sigenot (um 1300). Mittelhochdeutsches Epos.

Siehe auch

Quellen

Einzelnachweise

  1. Widsith, a study in Old English heroic legend. Raymond Wilson Chambers. 1874-1942 (1912)
  2. Zwei Fornaldarsögur: Hrólfssaga Gautrekssonar und Ásmundarsaga Kappabana; nach Cod. Holm. 7, 4to. Hrsg. von Ferdinand Detter (1891)
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