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Die Exilsage des Dietrich von Bern ist Teil des um 840 entstandenen althochdeutschen Hildebrandsliedes. Sie ist eines der ersten schriftlichen Zeugnisse der Dietrichsaga. Hier wurde aus der Eroberung Italiens durch Theoderich den Großen, eine innergotische Sage. [1]

Inhalt

Die Sage von Dietrichs Exil schildert die Episode aus dem Leben des Dietrich von Bern, in der er von Otacher (Odoaker)[2] aus seinem angestammten Reich in Italien vertrieben wird. Er flieht mit Hildebrand und vielen anderen Mannen ostwärts und beginnt ein Leben im Exil am Hofe des Hunnenkönigs Attila (Etzel). Nachdem er 30 Jahre beim Hunnen könig Etzel gelebt hat, kehrt er mit hunnischer Heeresmacht zurück und erobert sein Reich.

Beschreibung

Die Exilsage auf ihrer älteren Stufe blickt bruchstückweise aus den Andeutungen des althochdeutschen Hildebrandsliedes hervor. Im Jahre 493 erstach Theoderich der Große nach fünfjährigen Kämpfen den weströmischen Offizier Odoaker in Ravenna. Dieses geschichtliche Ereignis wird in der Exilsaga umgewandelt und literarisch verarbeitet. Dort wird Dietrich von Bern mit seinem Vater Theodemer-Dietmar zusammengeworfen und als Zeitgenosse bzw. Schützlings des Hunnenkönigs Attila († 453) dargestellt. Aus Theoderich, dem siegreichen Eroberer eines neuen Landes, Italien, wurde der vertriebene Dietrich, der nach langer Landflucht sein Erbreich zurückgewinnt. Denn hatte Dietrich am Hunnenhofe, fern dem eigenen Throne geweilt, dann war er ein Flüchtling. Doch wirkten auch andere Antriebe auf dieses Exilmotiv. Durch die Vertreibung kam zu dem rein politischen Geschichtsstoff erst ein sagenmäßiges Grundmotiv hinzu: Dietrich hatte nun ein persönliches Recht geltend zu machen, Rache zu üben.

Thidrekssaga

In der Thidrekssaga aus dem 13. Jhd. wurde der Gegner Odoaker dann durch den 120 Jahre ältern Ostgotenkönig Ermanarich ersetzt, der in einer Rollenverschmelzung zu Dietrichs Onkel / Vaterbruder wurde. Die beiden großen Amelungen, die man aus der Sage kannte, Ermanarich und Dietrich von Bern nahm man als Zeitgenossen, als Beherrscher eines Landes und als nahe Verwandte. Da außerdem Ermanarich in seinen älteren Sagen (Svanhild, Harlungensage) bereits den Charakter des Sippenbrechers entwickelt hatte, taugte er zum Gegenspieler in der Dietrichsage: so konnte er die Rolle des sonst unbekannten Otacher an sich reißen. Die Sage gewann damit den beliebten Zug der Verwandtenfehde, falls sie ihn nicht schon früher besaß. Ermanarich brachte aus der Harlungensage den bösen Rat von König Gibeche mit herüber, der nun auch in der Dietrichdichtung der Urheber der Untat wurde, und Gibeches Gegenbild, Eckehart, trat zu Dietrichs Partei. Die Quedlinburger Annalen (um 1000) kennen Ermanarich bereits in dieser neuen Rolle: also erfolgte diese Umgestaltung zwischen dem Hildebrandslied und dem ausgehenden 10. Jhd.

Die Handlung der Thidrekssaga wurde außerdem komplizierter und weniger dramatisch als die ursprüngliche Exilsage: vom Hunnenhofe aus machte Dietrich einen ergebnislosen Eroberungsversuch. Jahre später, nachdem Ermanarich eines natürlichen Todes gestorben ist, zieht er friedlich in sein Erbreich ein. Diese sonderbare Abschwächung beruht darauf, dass der neue Gegenpart, Ermanarich, nach alter Sage durch die Brüder Hamadeo und Sarulo sein Ende fand. Diese Tatsache ließ man zunächst unangetastet. Noch Eckehard von Aura (um 1100) kennt sie.

Ermenrichs Tod

Geraume Zeit mithin erzählte man die Exilsage so, dass Dietrich dank der Tat jener Brüder den leeren Thron seines Erbfeindes einnehmen konnte. Dann aber trat eine zwiefache Anpassung ein. Man setzte Dietrich an die Stelle der zwei Brüder - diese entschieden glücklichere Lösung lebt im niederdeutschen Lied über Ermenrichs Tod (Ermenrikes Dot) fort.

Die in den hochdeutschen Epen bzw. der Thidrekssaga ausmündende Dichtung begnügte sich, die Tat der Brüder zu beseitigen; so brauchte Dietrich nicht mehr die Frucht fremden Verdienstes einzuheimsen, aber sein kampfloser Einzug in die Heimat blieb bestehen. Dass Dietrich beim Burgundenuntergang all seine Mannen verloren hatte und auch Etzel ihm nun keine Streitmacht (mehr stellen konnte, ist eher die Folge als die Ursache der eben erwähnten Umbildung: hätte Dietrichs kriegerische Rückkehr festgestanden, dann hätte sich die Burgundensage leicht angepaßt. Man hat vermutet, dass die große Schlacht vor Raben (die Rabenschlacht als Fortsetzung von Dietrichs Flucht), die zu dem vergeblichen Eroberungsversuche gehörte, auf älterer Stufe ein Teil der siegreichen Heimkehr Dietrichs gewesen sei.

Hintergrund

Die Sage um Dietrichs Exil verarbeitete Namen und Vorgänge aus einem sehr langen Zeitraum, von ca. 330 bis 493 und wurde zu einem das Hauptbeispiel von epischer Attraktion im Sagenzyklus um Dietrich von Bern. Dabei wandelte die Dichtung das in Chroniken überlieferten Geschichtswissen um: Die Hunnen wurden als Dietrichs Helfer durchweg die günstig beleuchtete Partei; die Masse der Goten unter Ermanarich die Gegenspieler. Das Persönliche unterwarf sich dem Politischen; die Taten Widigoias und die Tötung des Attilasohnes erscheinen, dem nationalen Standpunkte zuwider, als beklagenswerte Vorfälle.

Interpretation

In der Überlieferung ist Dietrichs Exilsage kein organisches Gewächs mehr, wie die Sigfrid-Burgundensage, die Hilde-, Kudrun- oder auch die Wolfdietrichsage. Sie ist in Stücke zerschlagen; keine einzelne Dichtung umspannt ihren ganzen Grundriß, und hängt man sie alle drei oder vier aneinander, so entsteht ein Lebensroman, keine monozentrische Heroen fabel. Dietrichs Stammsage wurde zu einem Behälter für viel geschichtlich-geographischen Stoff, alten und jungen, für Massenaktionen und für epische Episoden, worin Dietrich verschwindet. Es ist ein außergewöhnliches Gebilde innerhalb der gesamten germanischen Heldendichtung, nicht geeignet, als idealer Maßstab zu dienen; wo es die Phantasie der Forscher bestimmte, hat man eine 'Sage' zu sehr als Episodenhaufen mit strategisch-politischem Faden, zu wenig als einheitliche und menschliche Fabel gewürdigt.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Ältere deutsche Literatur: Heldensage und Heldendichtung. Universität Wien; Deutsche Philologie. Vorlesung von Stephan Müller. SS 2011.
  2. In der späteren Thidrekssaga aus dem 13. Jhd. nimmt Dietrichs Onkel, Ermanarich, die Rolle Odoakers ein.
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