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Die Goldschmiedekunst des Frühmittelalters wurde im Norden durch die Wikingerzeit (ca. 800-1100) geprägt, während auf dem mitteleuropäischen Kontinent die Merowinger- (ca. 425-751) und Karolingerzeit (751-911) ihre Maßstäbe setzte.

Beschreibung

Bildeten für die Goldschmiedekunst der Völkerwanderungszeit ← noch Grabbeigaben die Hauptquelle unserer heutigen Kenntnis von Kultur und Kunst der europäischen Völker, so hörten diese schließlich fast ganz auf, nachdem sich die Germanen von ihren alten Bestattungsgebräuchen abgewandt hatten und dem christlichen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und die Bedürfnislosigkeit des verklärten Leibes im Jenseits Rechnung trugen.

Aus der Zeit vom 5.–10. Jhd. wurden in Skandinavien reiche Funde gemacht. Sie bestehen aus sogen. Goldbrakteaten (Schmuckmedaillons, aus nachgeahmten Kaisermünzen und selbständig geprägten Stücken hergestellt), byzantinischen Münzen und Einzelschmuckstücken, Colliers, Halsringen und Sporen von kolossalem Gewicht. Für die Jahrhunderte des Frühmittelalters treten aber nun vermehrt die Kirchenschätze mit ihrem oft weit zurückreichenden Bestand an alten Geräten als die wichtigsten Vermittler solcher Kenntnis immer stärker in den Vordergrund. [1]

Regionale Betrachtungen

Mitteleuropa

Franken (Karolinger)

Die Goldschmiedekunst der Franken zur Karolingerzeit, die im Westfrankenreich bis 987 und im Ostfrankenreich bis 911 reicht, bezeugen u. a. bedeutsame Einzelstücke aus Klöstern, Kirchenbesitz und kirchlichem Gebrauch, die sich in größerer Zahl erhalten haben. Goldschmiedewerke der Profankunst indessen sind auch aus den auf die Merowingerzeit folgenden Jahrhunderten nur äußerst spärlich überliefert.

Das hängt mit der wiederholt erwähnten Änderung in der Bestattungsweise aufs nächste zusammen. Verbot doch auch nach der Unterwerfung der heidnischen Sachsen, deren Götterbilder aus Gold, Silber, Erz, Stein oder Holz der Zerstörung anheimfielen, alsbald ein Capitulare Karls des Großen die Bestattung „more paganorum“. Bei dem fast völligen Fehlen von profanen Denkmälern besonders aus der Sphäre des täglichen Lebens und von Denkmälern der Kleinkunst, für die auch in dieser Zeit die Hauptmaterialien wohl Bronze und Eisen gewesen sein werden, entzieht sich die Entwicklung gerade der eigentlich volkstümlichen Kunst jedoch beinahe ganz der Kenntnis... → Weiterlesen.

Nordeuropa

Die Wikingerzeit (ca. 800-1100), die letzten Phase der heidnischen Zeit Skandinaviens, wird durch die Wikingerzüge bezeichnet, und aus ihr sind zahlreiche Denkmäler der Edelschmiedekunst erhalten. Zu den Funden gehören u.a. Silberschmuck in Form eines Thorshammers, darunter derjenige von Erikstorp (Östergötland, 1875) mit 330 arabischen Münzen aus den Jahren 895-957, silberinkrustierte Schwerter, manche Funde von der Insel Björkö im Mälarsee, unter denen sich auch bereits ein silbernes Kruzifix mit dem Bild des Heilands in Filigranarbeit befindet.

Außerdem erwähnenswert sind ein kreuzförmiges Goldreliquiar (Reliktkreuz) von der Insel Orø („Goldkreuz von Orø“) aus der Zeit um 1100 im Isefjord (Seeland), das im Ornament noch an die heidnische Zeit erinnert oder auch der 1911 gemachte große dänische „Silberschatz von Terslev“ (dän. Sølvskatten fra Terslev) auf Seeland. Dieser enthielt u.a. vier Schalen, eine Kette mit Tierköpfen, zahlreiche Hals- und Armringen, runde Zierscheiben usw. zumeist einheimischen Arbeiten aus dem 10. bis 11. Jh. (Gesamtgewicht des Fundes: 6576 g) u.a.m.

All diese Funde kennzeichnen das Ausklingen des alten germanischen Kunststils, der langsam der Romanik und der christlichen Symbolik wich. Dem 10. Jh. entstammt der „Goldschatz von Hiddensee“, dessen prächtiger Goldschmuck noch den nordischen Einfluss zeigt [2].

England

Silbervergoldete Degengefäße, Helme und andere Rüstungsteile mit silbernen und goldenen Zieraten, wie z. B. der Spangenhelm von Monyash (Derbyshire) mit silbernem Kreuz auf der Mittelrippe, Goldspangen, u. a. m. lassen die Goldschmiedekunst der Angelsachsen während des 6. und 7. Jhds. in einem sehr vorteilhaften Licht erscheinen.

Nielloverzierungen sind dabei äußerst selten und auch die Tauschierarbeit scheint von den Angelsachsen wenig oder überhaupt nicht geübt worden zu sein. Mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Christentums auf den Britischen Inseln wurde die alte Bestattungsweise mit reichlichen Grabbeigaben an Schmuck und Waffen immer mehr zurückgedrängt, und am Ende des 7. Jhds. hörte sie völlig auf.

Mit dem Aufhören bedeutsamerer Grabfunde aber versiegt auch für die folgenden Jahrhunderte viel an Kenntnis der Goldschmiedekunst fast ganz, denn nur sehr wenige Stücke sind, teilweise durch bloßen Zufall, aus dieser direkten Folgezeit überliefert. Allerdings zeigen neben den spärlichen Denkmälern auch literarische Dokumente, dass die Goldschmiedekunst in England nach wie vor blühte und reiche Anerkennung fand.

Irland und Schottland

Hunterston Brooch, NMS Edinburgh AdamCoulson

Irisch-angelsächsische Hunterstonfibel (Schottland, 8. Jhd.)

Die Goldschmiedekunst in Irland nimmt eine Sonderentwicklung ein und wurde maßgeblich durch die Kunst der Kelten geprägt. Frühzeitig christianisiert und in naher, auch direkter Verbindung (Schiffsverkehr mit Nantes) sowohl mit dem Kontinent als auch mit Rom und anderen Stätten der absterbenden klassischen Bildung hat jedoch Irland die Reste spätrömischer Kultur und Kunst länger und treuer gepflegt und sogar noch fortentwickelt als die anderen Teile des zerfallenden Imperiums.

Dadurch bewahrte es sich jene Kraft, das dann zu verschiedenen Malen eine weitreichende Wirkung ausübte und Irland lange Zeit hindurch geradezu eine führende Rolle im Geistesleben des Abendlandes verschaffte... → Weiterlesen.

Südeuropa

Italien

Crux Vaticana, Cross of Justin II

Crux Vaticana, Vortragskreuz Kaiser Justins II. (565–578)

In der 2. Hälfte des 6. Jhds. machten sich die Langobarden zu Herren von Italien, und so ist der Ursprung einzelner Goldschmiedearbeiten in vielen Fällen kaum zu bestimmen, und insbesondere ist es oft schwer zu entscheiden, ob sie noch der Zeit der Ostgoten oder bereits jener der Langobarden zuzurechnen sind.

Denn die eigenartige Ornamentik der langobardischen Plastik, wie sie vorzugsweise auf Grabsteinen begegnet, mit ihrem Schlingen und Flechtwerk aus zwei- oder dreigeteilten Bändern („Geriemsel“), kommt in ihrer Goldschmiedekunst nur in beschränktem Maße zur Geltung (siehe auch: Goldschmiedekunst der Langobarden).

In den späteren Werken der Goldschmiedekunst, die sich in Italien erhalten haben, besonders denen des 9. und 10. Jhds. (siehe auch Goldschmiedekunst der Karolingerzeit), macht sich neben den absterbenden langobardischen Motiven wieder ein Überwiegen des byzantinischen Einflusses geltend, wie er sich heute noch am deutlichsten in zahlreichen Stücken des Schatzes im Markusdom in Venedig, des Schatzes im Petersdom zu Rom (hier u. a. das Vortragskreuz Kaiser Justins) usw. dokumentiert.

West- und Südwesteuropa

Spanien

Aus dem 7. Jhd. stammen die bedeutsamsten Stücke westgotischer Goldschmiedekunst: 12 kostbare goldene Votivkronen („Westgotische Weihekronen“), zum Teil mit an langer Kette herabhängenden Kreuzen, mit Zellenverglasung aus tafelförmig geschliffenen Almandinen oder mit gemugelten Steinen in Kästchenfassung und mit durchbrochener Arbeit reich verziert.

Besonders in den Kirchenschätzen Spaniens, wie z. B. in der Cámara Santa (Heiligen Kammer) der Kathedrale San Salvador von Oviedo [3], finden sich noch so manche Werke der Goldschmiedekunst aus westgotischer Zeit. Allerdings hat die Forschung diese reichen Bestände erst zum Teil durchleuchtet.

Russland

Der Schatz von Mala Pereschtschepyna

Der gewaltige „Schatz von Mala Pereschtschepyna“ aus goldenen und silbernen Geräten, der im Juni 1912 beim Dorf Malaja Pereschtschepina (Kreis Konstantinograd, Gouvernement Poltawa, heute Ukraine) gefunden wurde, datiert in das 7. Jhd. n. Chr. und gehörte wahrscheinlich dem bulgarischen Khan Kubrat [4].

Ein mächtiger, dickwandiger, zweihenkeliger Krug aus Elektron (ca. 7 kg) und ein kleinerer goldener Krug von offenbar sassanidischer Formengebung, eine goldgetriebene ovale Schüssel (ca. 3 kg), eine andere, fast 58 cm im Durchmesser haltende silbervergoldete, 11 zum Teil mit Steinen und farbigen Gläsern eingelegte goldene und 11 silberne Becher von getriebener Arbeit, in deren hohlen Fuß zumeist eine fein klingende Perle oder Kugel eingeschlossen ist, dazu zahlreiche goldene und silberne Armbänder, Ringe, Schnallen usw. befinden sich darunter.

Der ganze Schatz dürfte nach den mitgefundenen Münzen in der 1. Hälfte des 7. Jhds. n. Chr. der Erde übergeben worden sein, doch sind einzelne Stücke früher zu datieren, so z.B. jener riesige Henkelkrug, um dessen Mitte ein beinahe noch klassisch anmutendes Rankenornamentband läuft, etwa in das 5.-6. Jhd. Die Fundstücke befinden sich heute in der Eremitage St. Petersburg.

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Meyers Großes Konversations-Lexikon (Zeno.Org). 6. Auflage. Leipzig, 1905–1909. Bd. 8, S. 106-108.
  2. Der Goldschmuck von Hiddensee. Berlin, Paul Bette (1880).
  3. vgl. Haupt, Albrecht. Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen (Internet Archive). Leipzig, H.A.L. Degener-Verlag, 1909. S. 48
  4. Wikipedia: Mala Pereschtschepyna
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