Fandom


Die Stilentwicklung und Ornamentik der Goldschmiedekunst prägte sich in Mittel- und Nordeuropa erst zur Völkerwanderungszeit zu einem ganz eigenen Stil aus, besonders in den einfacheren Zierformen.

Beschreibung

Aus der spätrömischen Provinzialkunst (3./4. Jhd.) übernahmen die Germanen neben verschiedenen Goldschmiedetechniken auch ornamentale Formen und pflegten sie neben der byzantinisierenden Hof-und Kirchenkunst auch für profane Kleingeräte unverändert fort.

Zwar ist der Anteil der germanischen Goldschmiede an der Gesamtentwicklung der Goldschmiedekunst und seiner Ornamentik gegenüber den klassischen Völkern vergleichsweise verschwindend gering, doch bestand auch eine gewisse eigene Entwicklung. Überdies sind Auswahl, Verwendung und Umgestaltung der klassischen Motive so eigenartig, dass man vor allem für die Völkerwanderungszeit (ca. 375-568) durchaus von einem germanischen Stil sprechen kann.

Stilentwicklung

Die Ornamentik der mittel- und nordeuropäischen Goldschmiedekunst ging sowohl in der Volks- genau wie in der Hofkunst auf antike Wurzeln zurück, nämlich auf die Tierbilder, Vogelköpfe usw. die schon das griechisch-römische Kunstgewerbe häufig ornamental verwendete.

Diese Anregungen gelangten vermutlich mit dem Handelsverkehr aus dem Südosten des klassischen Kulturkreises, besonders den Ländern am Nordrand des Schwarzen Meeres, und aus dem nördlichen Pannonien und Dacien, dem heutigen Ungarn, zahlreich bis nach Dänemark und Norwegen, insbesondere auch nach Gotland und Öland. Auf dieser Basis entwickelten germanische Kunsthandwerker vor allem in den skandinavischen Ländern dann eine in ihren höchsten Hervorbringungen wundervolle Ornamentik von großer Eigenart.

Der naturalistische Stil der klassischen Völker zersetzte sich zunächst, während gleichzeitig die antiken Vorbilder durch heimische, volkstümliche, der germanischen Mythologie entstammende Vorstellungen und Tierbilder verdrängt wurden. Die spezifisch germanisch gewordene Tierornamentik herrschte dann in den nordischen Ländern fast unumschränkt und durchlebte hier, zum Teil in Verbindung mit ursprünglich antiken Bandornamenten, vom 5. bis zun 10. Jh. mehrere Stilphasen. Dieser nordische Tierstil wirkte bis tief nach Süden hinein, auf den Kontinent zurück und nach Großbritannien hinüber.

Völkerwanderungszeit

Die große Masse der Gegenstände, welche die nordische Tierornamentik mit ihren ganz einfachen, reizvollen Verschlingungen aufweisen, darunter Fibeln aller Art, Armspangen, Schwertknäufe, Beschläge, Zierscheiben usw. war natürlich nicht aus Gold oder Silber, sondern aus Bronze hergestellt.

Die Technik ist dem Kerbschnitt entlehnt, der, auf Holz und Knochen in heimischer Kunstweise schon seit Jahrhunderten gepflegt, etwa zu Beginn des 5. Jhds. möglicherweise unter dem Einfluss der so dekorierten Bronzeschnallen der römischen Legionäre, auf das Metall übertragen wurde. Das Modell wurde dabei zumeist in Holz geschnitzt und über einen Wachsabdruck, das gewünschte Motiv, das beim Gießen ausgeschmolzen wurde, dann die Gussform hergestellt.

Auf den britischen Inseln erlebte die Tierornamentik des nordgermanischen Typs eine hohe Blüte. Im südlicheren Mitteleuropa dagegen kam sie nicht zu voller und schönster Entwicklung, da hier die antiken Traditionen noch zu stark blieben und in der Völkerwanderungszeit die Kunst von Byzanz und der alten Griechenstädte am Schwarzen Meer fortgesetzt einen mächtigen Einfluss übte.

Zuordnungsproblematik

So wie auch bei Ornamentationsmotiven ihre Herkunft nicht immer mit Sicherheit anzugeben ist, so wenig lässt sich auch bei den Gegenständen selbst, den Denkmälern der Goldschmiedekunst, insbesondere für die Epoche der Völkerwanderungszeit, überall mit Bestimmtheit sagen, ob die betreffenden Arbeiten in der Tat von Germanen oder doch für Germanen oder aber von byzantinischen, italischen oder provinzialrömischen Künstlern hergestellt worden sind. Unter der Herrschaft der germanischen Stämme zog die Abwandlung des klassischen Stils vor allem im Ornamentalen jedenfalls rasch weitere Kreise.

Frühmittelalter

Dieses Festhalten an der klassischen Stilrichtung führte auf dem Festland schon im 8. Jhd., in der Goldschmiedekunst allerdings erst im Laufe des 9. Jhd., geradezu zu einer Erneuerung der Antike („karolingische Renaissance“) und wirkte dann sogar wiederum bis nach Skandinavien hinauf, wo sie das Neuauftreten der Pflanzenornamentik beeinflusste, die dort seit dem späteren 5. Jh. ganz verschwunden war. Erst als der Kunststil der irischen Mönche in der Buchmalerei nach Deutschland übergriff, belebten die volkstümlicheren Elemente neu und ließen schließlich durch ihre Vereinigung mit den Errungenschaften der Hofkunst eine neuartige Formensprache, den romanischen Stil, erstehen. [1]

Es waren also vornehmlich die klassischen Motive, die, vielfach in der Auflösung begriffen, oft genug missverstanden und bis zur Unkenntlichkeit verändert oder auch nach dem lokalen Geschmack bewusst umgemodelt, neben der Tierornamentik in der Goldschmiedekunst der Germanen zur Verwendung kommen. So insbesondere das antike Band- und Flechtwerk (s.a. Flechtband, Strickornamente), das in zahlreichen Variationen, nicht selten auch in Verbindung mit allerlei geometrischen Mustern (Treppenornamente, Reihungen von Dreiecken, Quadraten, Kreisen, konzentrische Kreise usw.) entgegentritt.

Fibel Westgotland altgerm.Tierornament@salin, p.061 Abb.130

Westgotländische Fibel mit rechteckiger Kopfplatte in Zangenornament und flachem Fuß.

Daneben fehlt es nicht an Pflanzenmotiven, Blatt und Rankenornamenten, und der zum guten Teil daraus herzuleitenden Spiralornamentik. Die Abkömmlinge des Akanthusblatts sowie Weinlaub und Efeu, aus dem sich wohl in karolingischer Zeit das für diese Epoche so charakteristische herzförmige Blatt entwickelt, erfreuen sich großer Beliebtheit, woneben späterhin selbstverständlich die christliche Symbolik starken Einfluss übt, ja bestimmend wirkt.

Das gleiche ist der Fall bei dem im Ornament zur Verwendung kommenden mehr oder minder stilisierten Tiergestalten. Fisch, Löwe, Hirsch, Pfau, Taube, Biene, Pferd oder Vogelkopf stehen hier an erster Stelle, doch weicht ihre Stilisierung von der des nordischen oder unter nordgermanischem Einfluss stehenden Tiergeschlinges völlig ab.

Bei der oft weitgehenden Stilisierung und auch Veränderung, in der die vielfältigen Ornamente z.B. in Goldschmiedekunst häufig begegnen, ist es im einzelnen Fall jedoch nicht immer leicht, ihren Prototyp zu erkennen. Ein Hauptbeispiel für solche umstrittenen Motive ist z.B. das sog. → Zangenornament.

Verwandte Themen

Navigation Goldschmiedekunst
Goldschmiedekunst (Hauptartikel)  •  Email  •  Goldblechkreuz  •  Goldhut  •  Goldschmied  •  Goldschmiedetechnik  •  Grubenschmelz  •  Ornamentik  •  Reliquiar  •  Tauschieren  •  Zangenornament  •  Zellenmosaik  •  Zellenschmelz
Goldschmiedekunst der Völkerwanderungszeit  •  Frühmittelalter  •  Hochmittelalter
Elektrum  •  Gold  •  Kupfer  •  Silber
Goldschmiedekunst der Alamannen  •  Angelsachsen  •  Burgunder  •  Franken (Merowinger)  •  Franken (Karolinger)  •  Goten  •  Irland  •  Langobarden  •  Ottonen
Goldschmiedekunst (Hauptkategorie)  •  Ornamentik  •  Schmuck

Quellen

Einzelnachweise

  1. vgl. Otto v. Falke in Lehnert, Georg: Illustrierte Geschichte des Kunstgewerbes (Internet Archive). Berlin : M. Oldenbourg (1907-09). Bd. I, S. 217
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.