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Die Goldschmiedekunst der Völkerwanderungszeit wurde angefeuert durch eine vielfach ungeheure Häufung von Edelmetallarbeiten in den Horten der germanischen Könige, die in der Regel nicht nur zugleich den Staatsschatz bildete, sondern woraus auch Verdienste belohnt wurden.

Beschreibung

Die Epoche der Völkerwanderungszeit (375-568) erscheint von einer auffälligen Jagd nach Gold und Edelsteinen erfüllt, die häufig Politik und Kriegführung bestimmte. Handel und Schiffahrt vermittelten den Germanen frühzeitig manche Errungenschaften der südlichen Kultur und Kunst, und seit den Tagen des Brennus (4. Jh.), der Kimbern und Teutonen fehlte es auch nicht an Wanderungen und Vorstößen keltischer und germanischer Völkerschaften gegen und über die Grenzen des römischen Imperiums.

Der Verlust der ganzen westlichen Reichshälfte wurde jedoch erst besiegelt, seit infolge des Einfalls der Hunnen allmählich fast alle germanischen Stämme in Unruhe und Bewegung gerieten. Diese gewaltigen Wanderungen brachten die Kunst Ostroms mit dem Orient als Hintergrund zu einem immer größeren Einfluss auf die Goldschmiedekunst der Germanen, und auch die Länder zwischen Donau und Dniepr waren lange Zeit hindurch Wohnsitz, Sammelbecken oder Tummelplatz von wandernden Völkerschaften.

Natürlich trug auch der Glanz von Konstantinopel als Hauptstadt des Oströmischen Reiches dazu bei. Allmählich aber emanzipierte sich die Kunst der Germanen von den klassischen Vorbildern spätgriechisch-byzantinischer Ausprägung; und eben diese Kunst, die sich sich langsam auf ihre eigenen Füße stellte, wird auch als „Völkerwanderungskunst“ bezeichnet. Die Goldschmiedekunst waltet dabei, wenigstens in den Funden, so stark vor, dass Sophus Müller der ganzen Epoche den Namen der „Goldzeit“ hat beilegen wollen.

Horte und Königsschätze

Wie immens die Schätze der germanischen Könige teilweise gewesen sein müssen zeigt z.B. ein Zeugnis des Prokopios von Caesarea, der berichtet, dass die Römer nach dem Sieg über die Vandalen im Jahre 534 in ihren Lagern „bereits eine solche Menge von Schätzen vorgefunden hatten, wie kaum jemals an einem Ort zusammengewesen ist“. Und nach der Übergabe des königlichen Hausschatzes fanden sich darunter goldene Thronsessel und Sänften, zahlreiche edelsteinbesetzte Kleinodien, goldene Trinkgefäße und der ganze Schatz kostbarer Gefäße, der noch von der Plünderung des Kaiserpalastes zu Rom durch Geiserich herrührte [1].

Auch der ostgotische Königsschatz, der von Theoderich dem Großen angesammelt worden war, und der noch in den Verhandlungen der Goten mit Belisar und Justinian I. im Jahre 539 eine große Rolle spielte [2], muss gewaltig gewesen sein. Ebenso wird ehrfürchtig von den Königsschätzen der Westgoten und Langobarden geschrieben. Verschiedentlich wird auch von den ungeheuren Schätzen berichtet, die sowohl Attila als auch nachfolgend die Avaren angehäuft hatten, die gemäß Notker Balbulus „200 und mehr Jahre lang alle Reichtümer des Abendlandes zusammenschleppten“.

Die großen Besitzverschiebungen in jener Periode aber verwischten nicht selten auch die Spuren der ursprünglichen Provenienz der erhaltenen Goldschmiedearbeiten, die freilich nur einen verschwindenden Bruchteil der ehemals vorhandenen darstellen. Und auch wenn z.B. Kirchenschätze, die neben den Bodenfunden die hauptsächlichsten erhaltenen Stücke brachten, einen stabileren Charakter besaßen, so dezimierte sich doch auch hier im Laufe vieler Jahrhunderte der alte Bestand und verschleierte Ursprung und Herkunft immer mehr.

Goldschmiedetechnik

Aus der spätrömischen Provinzialkunst (3./4. Jhd.) übernahmen die Germanen möglicherweise die Technik des Grubenschmelzes und pflegten sie neben der byzantinisierenden Hof-und Kirchenkunst für profane Kleingeräte auch im Ornamentalen unverändert fort (s.a. → Goldschmiedekunst: Ornamentik); von Ostrom entlehnten sie besonders auch die Filigranarbeit. Währenddessen aber fiel die eigentliche → Gold- und Silberschmiedetechnik in den Händen oder für den Gebrauch der Germanen alsbald einem Niedergang anheim.

Dieser Verfall sich äußerte sowohl in der Vergröberung und Vereinfachung des Technischen, als auch in einer Lockerung und allmählichen Zersetzung des antiken Stils. Vermutlich hing diese Wandlung auch mit vergleichsweise sehr vereinfachten Betrieb der germanischen → Goldschmiede zusammen.

Regionale Betrachtungen

Nordeuropa

Im Norden Europas war eines der charakteristischen Elemente der germanischen Kunst dieser Epoche die „Tierornamentik“. Hier kam sie zuerst zu voller, zu reichster Ausbildung und übte von dort weithin Einfluss und Wirkung aus. Die nordischen Länder blieben von den Umbrüchen der Völkerwanderungszeit größtenteils unberührt. Daher erfreute sich die dortige Goldschmiedekunst in diesen Jahrhunderten einer stetigen Entwicklung und so gelangte im Verein mit dem Erzguss insbesondere die Tierornamentik zu höchst eigenartiger Ausbildung.

Von typischer Bedeutung für die verschiedenen Phasen dieser Entwicklung sind besonders die prachtvollen Halsringfunde von Ålleberg (Ållebergskragen, 1827) und von Möne (Mönekragen, 1864) in Westergötland und von Färjestaden (Färjestadskragen, 1860) in der Gemeinde Torslunda auf Öland [3]. Die Museen in Stockholm, Oslo, Kopenhagen usw. bergen zahllose Werke der Gold- und Silberschmiedekunst des 5.-8. Jhds., darunter verschiedenste Halsringe aus massivem Gold, kostbare Schwertknäufe, Silberschließen und Goldbrakteaten, die griechischen Münzen nachgebildet sind, unter denen der „Goldbrakteat von Åsum“ (Schonen) der größte ist.

Bemerkenswert unter den Funden ist auch die „Relieffibel von Etelhem[4] aus der Zeit von 440 bis 540 n. Chr. auf Gotland. Sie besteht aus vergoldetem Silber mit einer in Niello ausgeführten Runeninschrift: M(I)K M(A) - R(I)LAW(U)RTA, d. h. Marila machte mich.

Außerdem erwähnenswert ist der 12 kg schwere „Goldfund von Tureholm“ (Gemeinde Ekerö) in Södermanland (1774) aus dem 5./6. Jhd., die großen silbernen, in ihrer Ornamentik zum Teil klassisch beeinflussten Fibeln aus dem Lister og Mandal Amt, Jarlsberg og Larvik Amt, Kristians Amt usw. Aus Norwegen stammt ein prächtiger Brustschmuck mit Zellenverglasung und ein anderer ähnlich verziert mit anhängenden byzantinischen Goldmünzen aus den Jahren 425 bis 578 n. Chr.

Britische Inseln und Irland

Die Goldschmiedekunst der ursprünglich einheimische Bevölkerung der Britischen Inseln (Briten, Pikten, Scoten, auch in Irland) bleibt in der Forschung fast außer Betracht, da sie bereits im 5. Jh. für das Christentum gewonnen wurde, womit ein Aufhören der Grabbeigaben Hand in Hand ging. Die Goldschmiedekunst zeigt während der Völkerwanderungszeit selbst auf den Britischen Inseln überall deutlich den Einfluss durch die klassische Kunst, ja die Herkunft aus ihr, und so sind einige Funde sogar geradezu als spätrömische Arbeiten anzusehen.

Mit dem allmählichen Überwiegen des germanischen Kunststils tritt dann aber, der Entwicklung auf dem Kontinent entsprechend, auch hier eine ganz ähnliche Zersetzung des klassischen Ornamentes ein. Die Maskarons werden zu einer unvollkommenen Andeutung fratzenhafter Gesichter, die Tiergestalten lösen sich in ihre Teile auf und gehen schließlich selbst in Bandgeschlinge über, das, auch in Form von Flechtwerk, zusammen mit einfachem geometrischen Ornament alles überwuchert. Etwas länger intakt hält sich fast nur die griechische Welle, aus der auch das für die spätere irische Ornamentik so charakteristische Scroll-Ornament abzuleiten ist (s. Goldschmiedekunst in Irland).

Ost- und Südosteuropa

Die Länder am Pontus waren zwei Jahrhunderte hindurch Sitz der Ostgoten und man bezeichnete sie als die Wiege der frühgermanischen Kunst. Vor allem im ungarischen Raum erscheint die „Zellenverglasung“ als Charakteristikum, nur dass sich hier selten mit Sicherheit sagen lässt, welche der zahlreichen Funde wirklich germanische Arbeiten sind und welche mixhellenische, byzantinische, jazygische, skythische usw. Handwerkskunst darstellen.

Bei anderen Fundstücken des ganzen weiten Gebiets im Osten Europas, das sich von diesseits der Leitha (Untersiebenbrunn) bis über die sibirische Grenze erstreckt, tritt die Zellenverglasung mehr zurück. Hier waltet getriebener oder gegossener Schmuck stärker vor, wobei sich dann im rein Ornamentalen wie im Figürlichen von den griechischen Pflanzstädten bewahrte und fortgepflegte klassische Traditionen, römisch byzantinische oder auch persische (sassanidische) Einflüsse mit einheimischen Kunstansichten mischten. Besonders die russischen Sammlungen und ebenso die Museen Ungarns und Rumäniens, besonders das ungarische Nationalmuseum in Budapest, sind reich an solchen Funden kostbarster Art.

Ungarischer Raum

Die Zellenverglasung finden wir bereits an goldenen Umrahmungen von römischen Kaisermünzen aus dem spätantiken „Fund von Petrijanec“ (heute Kroatien, 1805) [5] aus der 2. Hälfte des 3. Jhds. Auffallend sind hier die runden, dreieckigen und rautenförmigen Durchbrechungen und Füllungen mit Granatplättchen, wie sie sich an einer umrahmten Maximiansmünze („Goldmedaille des Kaisers Maximian“) und einem anderen gehenkelten Schmuckstück des 1797 gefundenen „Goldschatzes von Szilágy Somlyó“ [6] aus dem 3./4. Jh. noch erhalten haben.

Fibel von Osztrópataka, KHM James Steakley 2013-10-05

Spätrömische Fibel von Osztrópataka (KHM, Ende 3. Jhd.)

Mehr noch verrät sich der völkerwanderungszeitliche Kunststil an den mächtigen Fibeln, Schmuckscheiben und anderen Gegenständen eines zweiten 1889 gemachten „Schatzfundes von Szilágy Somlyó“ aus dem 5. Jhd. [7] mit ihrer unregelmäßigen Zellenverglasung, ihren Goldkügelchen-Pyramiden, Filigranumrandungen und besonders den als Füllungen von leeren Flächen oder Zwischenräumen verwendeten, verschieden geformten Filigranstückchen.

Die Goldfunde aus der Nähe von Kolocza auf der Puszta-Bákod in Ungarn weisen sich durch ihre feine und exakte Arbeit als Werke der spätantiken, wohl byzantinischen Kunst aus. Der jüngeren römischen Kaiserzeit (3. Jhd.) gehört auch der „Schatz von Osztrópataka[8] (heute Ostrovany, Slowakai) an. Der 1. Fund von 1790 befindet sich heute im Antikenkabinett des Kunsthistorischen Museums Wien; der 2. Fund von 1865 wird im Ungarischen Nationalmuseum in Budapest ausgestellt.

Auch darüber hinaus wurde im Ungarischen Raum eine große Zahl von Funden an Gegenständen aus Edelmetall gemacht. Dazu gehören weiterhin z.B. die Funde von Komárom, Keszthely (besonders viele Körbchenohrringe aus Silber, neuzeitlichen oberbayerischen Filigranarbeiten nicht unähnlich), Duna-Pentele (Goldheftel, u. a. mit aus Goldblech gestanzten Männer-Frauenköpfen verziert), Raczkeve (Gehänge aus Goldblech mit Vogelköpfen), Csorna (Bruchstücke eines Diadems, Gold mit Zellenverglasung), Bratislava (Silbersporn) usw. [9]

Rumänien

Auch dem 5. Jhd. entstammen die Goldfunde der „Prunkgräber von Apahida“ bei Cluj-Napoca (dt. Klausenburg, Rumänien) [10]. Die Bruchstücke des „Goldschmucks von Merezei“ in der Bukowina (im ehemaligen Dacien) gefunden wurden [11] scheinen mehr germanische Arbeit zu sein.

Die berühmten Funde von Nagyszentmiklós (1799) und der Pietroasa (1837) gehören mit zu den bedeutsamsten Goldschätzen, die aus dem ganzen östlichen Europa auf uns gekommen sind, und repräsentieren den sonderbaren Mischstil der Völkerwanderungszeit in diesen Gegenden, wie kaum irgendwelche anderen Altertümer. Einige durchbrochene Ornamente aus dem „Schatz von Pietroasa“ (4.-5. Jhd.) und die einfachen Kelche aus dem „Schatz von Nagyszentmiklós“ (5.-6. Jhd.) zeigen auch Ähnlichkeiten mit Fundstücken aus dem Schatz von „Schatz von Osztrópataka“ (Ungarn, 2.-3. Jh.).

Österreich

Ebenso verhält es sich mit dem 1910 gemachten Fund des „Schatzes von Untersiebenbrunn“ auf dem Marchfeld (Niederösterreich) in einem Frauengrab (Grab der „lahmen Fürstin“, ca. 400-420) [12], der aus zahlreichen goldenen und silbernen Schmuckstücken, mächtigen Fibeln, ähnlich jenen von Szilágy Somlyó, Armreifen, Hals und Fingerringen, Gewandnadeln, Ohrgehängen, Halsketten und vielem Goldflitter besteht. Ähnliche Funde, wie z.B. silberne Zikadenfibeln, entstammen einem dortigen Kindergrab, wohl aus der 1. Hälfte des 5. Jhds.

Süd- und Südwesteuropa

Italien

Adlerfibel von Domagnano, Sailko 2011-11-03

Ostgotische Adlerfibel aus dem Schatz von Domagnano (San Marino, ca. 500 n. Chr.)

Auch aus den Zeiten der Ostgotenherrschaft in Italien wird von manchem kostbaren Schmuckstück berichtet. Die goldenen Kronen, die König Theodahad (535-540) jährlich an Kaiser Justinian als Tribut zu senden hatte [13], betrugen zwar im Gewicht je 300 Pfund, werden aber wohl nur ziemlich kunstlose, in Form von Kronen gegossene Goldklumpen gewesen sein.

Wenn wir aber von der goldstrotzenden Rüstung des ostgotischen Königs Totila lesen [14], so erinnert das an die Fragmente eines Harnischs, die 1854 in unmittelbarer Nähe des Grabmals Theoderich des Großen in Ravenna ausgegraben wurden. Es sind breite goldene Bänder und Rahmungen, die in ihrer ganzen Ausdehnung nach Art der Zellenverglasung mit tausenden von Granaten geschmückt sind oder zumindest waren. Das in der geometrischen Musterung auftretende Zangenornament lässt hier kaum einen Zweifel darüber, dass wir es mit der Arbeit eines ostgotischen Goldschmieds zu tun haben. Diesem trefflichen Werke nah verwandt sind die Hauptstücke aus dem „Schatz von Domagnano“, südlich von Ravenna (1893) [15].

Das goldene Gemmenkreuz mit seinem Schmuck aus Hyazinthen, Smaragden und Prasemsteinen samt dem noch zuverlässiger spätantiken Silberbehälter aus dem Schatz der Kapelle ad Sancta Sanctorum (5.-6. Jh.) ist dagegen beispielsweise sehr wahrscheinlich die Arbeit eines Italieners. Allerdings ist die Gewissheit über den gotischen Ursprung einzelner Goldschmiedearbeiten in vielen Fällen kaum zu gewinnen, und insbesondere ist es oft schwer zu entscheiden, ob sie noch der Zeit der Ostgoten zuzurechnen sind oder bereits in die der Langobarden fallen, die sich in der 2. Hälfte des 6. Jh. zu Herren von Italien machten.

Was Herstellung und Stil betrifft, so schwankt die Zuordnung oft zwischen germanisch und spätrömisch oder byzantinisch, um so mehr als die ostgotischen und langobardischen Metallarbeiter in Italien die römischen Formen und Ornamente mit größerem Verständnis verarbeiteten und sie weniger veränderten als die Germanen nördlich der Alpen, die in keiner so unmittelbaren Berührung mit dem eingesessenen Kunstgewerbe Italiens standen. So gehört denn z.B. jene Goldfibel aus der 1. Hälfte oder aus der Mitte des 5. Jhds., die 1895 im Stadium des Palatin zu Rom gefunden wurde [16] und mit der Fibel aus dem „Schatz von Apahida“ eng verwandt ist, noch der spätrömischen Kunst an.

Russland

Diadem of Novocherkassk, Eremitage Inv. 2213-2

Diadem von Nowotscherkassk (Eremitage St. Petersburg, 1. Jhd. n. Chr.)

Auch in Sibirien zeugen Funde von graeco-skythischen Altertümern von der Kunstfertigkeit der Goldschmiedearbeiten jener Zeit. Daneben gibt es einige verwandte südrussische Funde, wie z.B. das Diadem von Nowotscherkassk am Don aus der sarmatisch-alanischen Kultur mit der Darstellung des Elentieres und des kaukasischen Steinbocks [17].

Außerdem ist erwähnenswert eine mächtige mit zahlreichen Granaten geschmückte Fibel aus massivem Gold, gleichfalls mit der Wiedergabe eines Elentieres, das ein Adler mit den Fängen ergreift und eine Silberschale mit der Reliefdarstellung eines Hochzeitspaares [18]. Diese Fundstücke, werden allerdings z. T. auch (Elentiere), genau wie der Goldschatz von Vettersfelde, für die griechische Kunst des 5.-4. Jh. v. Chr. in Anspruch genommen.

Im Kubangebiet (Nordkaukasus) gefunden wurden 4 reizvolle Goldmontierungen von Gläsern, feine Gestellchen mit ringsherum anhängenden kugelbeschwerten Goldketten, der Rand mit gemugelten Hyazinthen besetzt [19]. Es handelt sich hier wohl um Erzeugnisse der spätantiken Kunst etwa des 4. Jh. n. Chr. doch könnte ein mitgefundener goldener Becher mit getriebener Greifendarstellung von klassischerem Stil auch hier eine frühere Datierung gerechtfertigt erscheinen lassen.

Volksgruppen und Stammesverbände

Während des ausgehenden Altertums und frühen Mittelalters wirkte, wie schon erwähnt, der „barbarische“ Geschmack der europäischen Völkerschaften auf die klassische Goldschmiedekunst ein. Solche Beispiele treten u.a. in den reichen Funden Osteuropas und Vorderasiens entgegen. Wenn man bei der Entwicklung des europäischen Kunststils zur Völkerwanderungszeit von 'germanischen Einflüssen' reden kann, so kommen hierfür vor allem die Goten samt den ihnen nahe verwandten Stämmen der Gepiden und Vandalen in Betracht, die bei den großen Schatzfunden von Petroassa und Nagyszentmiklós zumindest als die vermutlichen einstmaligen Besitzer begegnen.

Weniger wiederum lässt sich eine bestimmte Stammeseigentümlichkeit bei denjenigen Funden der Völkerwanderungszeit aufzeigen, die etwa im Gebiete der alten, bereits 531 von den Franken unterworfenen Thüringer und der seit 555 tributpflichtigen Bajuwaren sowie im Norden im Gebiete der Sachsen und der Friesen gemacht worden sind.

Goten

Rekkeswinth Krone Schatz von Guarrazar, Felicísimo 2016-08-28

Weihekrone von König Rekkeswinth (Spanien, 649-672)

Die Goten und ihre verwandten Stämme hatten schon früher wiederholt die Grenzen des römischen Imperiums beunruhigt. Doch zu den „Totengräbern des römischen Volkes“, wie Ammianus Marcellinus sich ausdrückt, zum „Verderben des römischen Staates“, wenigstens der westlichen Reichshälfte, wurden sie erst seitdem sie durch den Hunnensturm aufs neue in Bewegung gerieten und die bewaffneten Scharen zunächst der Westgoten nach dem Übergang über die Donau „dicht wie die Asche des Ätna“ über Mösien und Thracien hereinbrachen.

Wenn man aber von 'germanischen Einflüssen' auf die klassische griechische und römische Goldschmiedekunst reden kann, wie sie u.a. in den reichen Funden Osteuropas und Vorderasiens entgegentreten, so kommen hierfür vor allem die Goten samt den ihnen nahe verwandten Stämmen der Gepiden und Vandalen in Betracht, die bei den großen Schatzfunden von Petroassa und Nagyszentmiklós zumindest als die vermutlichen einstmaligen Besitzer begegnen... → Weiterlesen.

Langobarden

Die Goldschmiedekunst der Langobarden, die sich in der 2. Hälfte des 6. Jh. zu Herren von Italien machten, ist von jener der Ostgoten in vielen Fällen kaum zu unterscheiden. Denn die eigenartige Ornamentik der langobardischen Plastik, wie sie vorzugsweise auf Grabsteinen begegnet, mit ihrem Schlingen und Flechtwerk aus zwei- oder dreigeteilten Bändern („Geriemsel“), kommt in der Goldschmiedekunst dieses germanischen Stammes nur in beschränktem Maße zur Geltung... → Weiterlesen.

Alamannen

Bügelfibel von Nordendorf I

Bügelfibel mit rechtwinkligem Kopfstück von Nordendorf I (Mitte 6. Jhd.)

Aus den Reihengräbern der Alemannen wurde reicher Wehr- und Frauenschmuck, goldstrahlend oder aus Eisen und eingelegt mit Silber und besetzt mit Halbedelsteinen zutage gefördert. So bergen denn auch z. B. das Schweizerische Landesmuseum in Zürich [20], das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart [21] oder das Königliche Antiquarium in München zahllose alemannische Fundstücke.

Eigentliche Kriterien spezifisch alemannischer Kunstübung lassen sich aber kaum aufzeigen. Insbesondere ist eine stilistische, technische oder ornamentale Abgrenzung gegen die Goldschmiedekunst der Franken, in deren Reich die Alemannen ja auch seit der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 politisch aufgingen, teilweise nicht möglich... → Weiterlesen.

Burgunder

Obgleich auch dieser germanische Stamm bereits durch Chlodwig I. (466-511) in politische Abhängigkeit geriet und 532 von den Franken endgültig unterworfen wurde, zeigt die Goldschmiedekunst der Burgunder eine deutlich ausgeprägte Eigenart. Als charakteristisch für die zahlreichen Funde, die in den Gräberfeldern des einstigen Burgunderreiches, wozu außer Burgund besonders auch Savoyen, die Dauphine, Westschweiz und nördliche Provence gehörten kann u. a. die Vorliebe für die Darstellung einer männlichen Gestalt zwischen zwei ursprünglich vierfüßigen, oft aber bis zur Unkenntlichkeit stilisierten Tieren bezeichnet werden.

Diese Darstellung, leitet sich aus der antiken, vielleicht der assyrischen Kunst her, wurde aber auch oft auf das Motiv von „Daniel in der Löwengrube“ bezogen. Sie findet sich häufig auf den auch durch ihre riesige Größe ungewöhnlichen und für die burgundische Art kennzeichnenden, silber- und goldtauschierten oder silberplattierten eisernen Gürtelschließen, deren Schmuck sonst lediglich durch quergeteilte Bänder in allerlei Verschlingungen, einfache Kreuze usw. bestritten wird... → Weiterlesen.

Angelsachsen

Außer den Sachsen, die sich, seit der Mitte des 5. Jh. vorzugsweise im südlichen England niederließen, und den Angeln, die nördlich von ihnen den Osten einnahmen, waren auch noch Jüten an der Besitzergreifung des Landes beteiligt, die nachmals hauptsächlich in Kent siedelten. Die Kunsterzeugnisse dieser germanischen Stämme nach bestimmten Kriterien voneinander zu scheiden oder sie mit Sicherheit von denen der römischen Provinzialkunst zu sondern, gelingt nur in sehr beschränktem Maße... → Weiterlesen.

Franken (Merowinger)

Theudebert I., Münze Goldsolidus um 534

Fränkischer Gold-Solidus Theodeberts I. nach oströmischem Vorbild, um 545

Im Allgemeinen gewinnt man nicht den Eindruck, als ob die Goldschmiedekunst im Frankenreich unter Merowingern besonders original gewesen sei, d.h. ihre Entwicklung wesentlich aus eigener Kraft genommen habe.

Und doch bildet sie den Ausgangspunkt für die Reihe von Erscheinungen, die unter wiederholtem Zurückgreifen auf die Antike oder das Anknüpfen an die oströmische Kunst (Byzanz) durch die Karolingerzeit und die ottonische Epoche hindurch zum voll entwickelten neuen, Stil der Romanik geleiten. Die eigentliche fränkische Goldschmiedekunst scheint sich vielfach, soweit sie nicht aus provinzialrömischen Werkstätten erwuchs, in enger Verbindung mit dem Münzwesen entwickelt zu haben... → Weiterlesen.

Folgen der Christianisierung

Je mehr sich die Germanen von ihren alten Bestattungsgebräuchen abwandten und dem christlichen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und die Bedürfnislosigkeit des verklärten Leibes im Jenseits Rechnung trugen, desto spärlicher wurden die Grabbeigaben, die schließlich fast ganz aufhörten, nachdem sie für die vorausgegangenen Jahrhunderte die Hauptquelle unserer heutigen Kenntnis von Kultur und Kunst der europäischen Völker gebildet hatten. Für die späteren Jahrhunderte treten die Kirchenschätze mit ihrem oft weit zurückreichenden Bestand an alten Geräten als die wichtigsten Vermittler solcher Kenntnis immer stärker in den Vordergrund. Siehe dazu → Goldschmiedekunst des Frühmittelalters.

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Prokop, Vandalenkrieg 2, 3-9
  2. Prokop, Gotenkrieg 2, 29
  3. im Nordischen Museum zu Stockholm
  4. Uni Kiel, Runenprojekt: Steckbrief: Relieffibel von Etelhem (Gotland, S)
  5. Früher Petrianez (Ungarn), ausgestellt in der Kaiserlichen Schatzkammer in der Hofburg, Kunsthistorisches Museum Wien (http://www.khm.at/)
  6. Siehe dazu auch: Wikipedia: Schatzfunde von Szilágysomlyó
  7. Fundstücke im Ungarischen Nationalmuseum in Budapest
  8. Wikipedia: Treasure of Osztrópataka (engl.)
  9. Hampel, Joseph: Alterthümer des frühen Mittelalters in Ungarn (Internet Archive). 3 Bände. Braunschweig : F. Vieweg und Sohn, 1905. Nachdruck: Gregg, Westmead, Farnborough, Hampshire 1971, ISBN 0-576-19319-4.
  10. Ausgestellt im Nationalen Museum der Geschichte von Rumänien. Schatz von Apahida: Fundbilder auf Wikimedia Commons.
  11. Bukowiner Landesmuseum
  12. Wikipedia: Geschichte des Marchfelds
  13. Prokop, Gotenkrieg I, 6
  14. Prokop, Gotenkrieg IV 31
  15. Teile im Germanischen Nationalmuseum (GNM) Nürnberg, im Ungarischen Nationalmuseum in Budapest oder verschollen
  16. Mus. der Diocletiansthermen
  17. Ausgestellt in der Eremitage St. Petersburg, Inventory Number: 2213-2.
  18. früher Sammlung Stroganoff, jetzt in der Eremitage zu St. Petersburg
  19. Staatliches Historisches Museum (Homepage) in Moskau.
  20. Schweizerisches Landesmuseum (Homepage) in Zürich.
  21. Landesmuseum Württemberg (auf Museum Digital).
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