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Die Goldschmiedekunst der Franken aus der Karolingerzeit, die im Westfrankenreich bis 987 und im Ostfrankenreich bis 911 reicht, bezeugen u. a. bedeutsame Einzelstücke aus Klöstern, Kirchenbesitz und kirchlichem Gebrauch, die sich in größerer Zahl erhalten haben.

Beschreibung

Goldschmiedewerke der Profankunst indessen sind auch aus den auf die Merowingerzeit folgenden Jahrhunderten nur äußerst spärlich überliefert. Das hängt mit der wiederholt erwähnten Änderung in der Bestattungsweise aufs nächste zusammen. Verbot doch auch nach der Unterwerfung der heidnischen Sachsen, deren Götterbilder aus Gold, Silber, Erz, Stein oder Holz der Zerstörung anheimfielen, alsbald ein Capitulare Karls des Großen die Bestattung „more paganorum“.

Bei dem fast völligen Fehlen von profanen Denkmälern, besonders aus der Sphäre des täglichen Lebens und aus den Kreisen des gemeinen Mannes, der kleinen freien Leute oder von Denkmälern der Kleinkunst, für die auch in dieser Zeit die Hauptmaterialien wohl Bronze und Eisen gewesen sein werden, entzieht sich die Entwicklung gerade der eigentlich volkstümlichen Kunst und der von ihr bevorzugten Tierornamentik aber beinahe ganz der Kenntnis.

Die Stücke aus Kirchenschätzen folgen mit vereinzelten Ausnahmen wesentlich den Bahnen der höfischen Kunst, die, besonders von Byzanz fortgesetzt stark beeinflusst, in der ursprünglich von dort übernommenen Cloisonarbeit mit größtenteils geometrischem Dekor oder in Nachahmung antiker Darstellungen auch weiterhin ihre vornehmlichsten Ausdrucksmittel fand. Gleichwohl nimmt der Betrachter an den Denkmälern der Karolingerzeit deutlicher als bisher das Ringen dieser beiden Einflüsse wahr, was dann im Laufe des 10. Jhds. zum Sieg der von der hochentwickelten Kunst der irischen Mönche stark geförderten volkstümlichen Richtung über die erstarrenden Gepflogenheiten der alten Hofkunst führt.

Werke der Hofkunst

Zu den wichtigsten Denkmälern der fränkischen Goldschmiedekunst zur Zeit der Karolinger gehören u.a:

Engerer Burse, Chris06 KGM Berlin 2008

Engerer Burse (Herford, 8. Jhd.)

Eine gewisse Mittelstellung in der Entwicklung der fränkischen Goldschmiedekunst nimmt bereits das taschenförmige Bursenreliquiar, die sog. „Engerer Burse“, aus dem Schatz des Dionysiusstiftes zu Enger bei Herford (Nordrhein-Westfalen) [1] ein. Es stammt vermutlich aus dem Besitz des Sachsenherzogs Wittekind, der es anläßlich seiner Taufe im Jahre 785 zusammen mit anderen Kostbarkeiten von Karl dem Großen zum Geschenk erhalten hatte.

Etwa der gleichen Zeit wie die Engerer Burse gehört der berühmte kupfergegossene, doch reich vergoldete und mit Silberinkrustation geschmückte Tassilokelch an, den Herzog Tassilo III. von Bayern und seine Gemahlin in das 777 von Tassilo gegründete Kloster Kremsmünster stifteten. Der nach ihm genannte Kelch ist das bedeutendste Denkmal jener volkstümlichen Richtung der Goldschmiedekunst, das aus karolingischer Zeit erhalten ist.

Das Hauptwerk der höfischen, vor allem von Byzanz beeinflussten Goldschmiedekunst, das sich aus dem 9. Jh. erhalten hat, ist jedoch die prächtige Altarumkleidung, der „Angilbertus-Altar“ oder „Paliotto“ in St. Ambrogio zu Mailand. Er wurde Auftrag des Erzbischofs Angilbert II. von Mailand (824-860) vor 835 durch Volvinius geschaffen. Daneben sind weitere herausragende Werke der Hofkunst z.B. noch:

Klosterschulen

Mit dem 9. Jh. beginnen die einzelnen Klosterschulen und ihre Tätigkeit auf künstlerischem Gebiet, insbesondere dem der Goldschmiedekunstimmer deutlicher hervorzutreten. So weisen z. B. jene Treibarten, zu denen auch die Gold- und Silberbleche des „Paliotto“ gehören, nicht nur untereinander Stilübereinstimmungen auf, sondern auch mit den Buchmalereien der Reimser Klosterwerkstatt mit ihrem angelsächsischem Einfluss (s. a. Karolingische Malerei: Reims). Daher sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach dieser Schule zuzuschreiben, wenn auch das Verhältnis zwischen Reims und Mailand nicht klar festgestellt ist.

Der Psalter Karls des Kahlen (842-869) in der Nationalbibliothek von Paris [4] wurde vermutlich in der Klosterschule von Corbie gefertigt. Er wiederum ist nahe verwandt mit einem Vortragskreuz aus der Zeit um etwa 910 im Germanischen Museum in Nürnberg, sowie mit dem Einband eines Evangeliars mit Zellenschmelzen byzantinischer Herkunft im Münsterschatz zu Aachen. Ebenso lassen sich noch andere Schulen, wie die von Metz, Tours, St. Denis, Lüttich, Fulda, St. Gallen usw. mit ihren Eigentümlichkeiten auch hinsichtlich der Goldschmiedekunst immer deutlicher erkennen. Denn die Zahl der Arbeiten, die bisher nicht lokalisiert werden können, überwiegt auch für das 9. Jh. die Zahl der genauer zu bestimmenden außerordentlich.

Volkstümliche Kunst

Der volkstümlichen Richtung der Goldschmiedekunst stehen die interessanten, aber noch sehr umstrittenen Funde von Perau, Kettiach, Villach, Thunau usw. näher, insbesondere Scheibenfibeln aus vergoldetem Kupfer - z. T. mit echtem Email. Auch die prächtigen Funde von Mertloch bei Polch [5] sind zu erwähnen, unter denen eine besonders große Goldblechfibel mit gemugelten Steinen, Zellenverglasung und getriebener oder gepresster Arbeit verziert, der 1878 gefundenen Goldscheibenfibel aus Groß Orden [6] besonders nahe steht.

  • die Goldscheibenfibel aus Groß Orden bezeichnet eine frühe Entwicklungsstufe - die getriebenen Bienen sind bei ihr als solche noch zu erkennen, während sie bei der Mertlocher zu ornamentierten länglichen Buckeln geworden sind. Sie gehört daher vielleicht noch dem Ausgang der merowingischen Epoche an.

Der gleichen Zeit sind wohl auch zwei aus Süddeutschland stammende Fibeln im Ethnologischen Museum Berlin [7] zuzuteilen. Schließlich hätte u. a. auch noch Erwähnung zu finden:

  • die kupfervergoldete Armspange aus Habsburg im Kanton Aargau,
  • das Schwert mit goldbelegtem Griff aus La Lance am Neufchâteler See [8]

Einzelfunde

Neben diesen Gruppen sind auch jene Goldschmiedearbeiten kurz aufzuzählen, die aus dem Osten, zumeist aus Byzanz, in das Abendland gelangten. Dazu gehören u. a.:

  • die „Kanne Karls des Großen“ - eine mit Schmelzplatten verzierte goldene Kanne im Kirchenschatz der Abtei Saint-Maurice (Wallis), die der Tradition zufolge ein Geschenk Karls des Großen an das Kloster war,
  • manche Stücke im Schatz des Markusdoms in Venedig,

Von weiteren reichen Schätzen geben nur noch zeitgenössische Schriftsteller die Kunde. Von ihnen hat sich allerdings nichts erhalten oder nachweisen lassen, wie z. B.:

  • von den goldenen und silbernen Tischen, die sich im Nachlass Karls des Großen befanden,
  • von den sonstigen Kleinodien Karls des Großen, die beim Monachus Sangallensis (II 6 und 8) bereits in fast sagenhafter Beleuchtung erscheinen,
  • von den reichen Geschenken, die Ludwig der Fromme und Papst Stephan IV. bei ihrer Zusammenkunft in Reims miteinander austauschten [9] [10],
  • von dem goldenem Tafelgeschirr Kaiser Ludwigs des Frommen [11],
  • von dem goldenen Kruzifix, „so kostbar wie noch nie ein ähnliches von einem König geschenkt worden war“, das Karl der Kahle dem Papste Johannes VIII. für den heiligen Petrus verehrte [12],
  • von den Schätzen des Erzbischofs Hatto I. von Mainz [13] usw.

Übergang zum Hochmittelalter

Das Westfrankenreich bzw. Frankreich verharrte noch bis zum Endes des 10. Jhds. unter der Herrschaft der Karolinger, während mit dem Aufstieg der sächsischen Kaiser die Goldschmiedekunst der Ottonenzeit im Ostfrankenreich (Heiliges Römisches Reich) die Goldschmiedekunst des Hochmittelalters einleitete und dabei Frankreich in der Entwicklung der Kunst immer mehr überflügelte.

Doch auch aus dieser Zeit gibt es einige Denkmäler und Zeugnisse, die im westlichen Teil des ehemaligen Frankenreiches eine fortgesetzte Pflege dieses Kunstzweiges der bekunden. Von erhaltenen Denkmälern sind insbesondere die hochinteressanten und kostbaren Stücke in der Abteikirche Sainte-Foy zu Conques (Aveyron) und in der Kathedrale von Nancy besonders hervorzuheben.

Galerie

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Quellen

Einzelnachweise

  1. seit 1888 im Kunstgewerbemuseum Berlin (Inventar-Nr. 1888,632) der Staatlichen Museen zu Berlin
  2. Wikipedia: Croce di Berengario
  3. Akg Images: Antike Patene mit karol. Montierung (abgerufen am 05.05.2020)
  4. Bibliothèque nationale de France (BnF)
  5. Germanisches Nationalmuseum (GNM) - Leibniz-Forschungsmuseum für Kulturgeschichte, Nürnberg (Bayern)
  6. im Quedlinburger Schlossmuseum
  7. Ethnologisches Museum (Staatliche Museen zu Berlin).
  8. beide im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich.
  9. Thegan, Leben Ludwigs c. 17
  10. Ermoldus Nigellus, Lobgedicht II 457 ff.
  11. Ermoldus Nig. IV 464, vielleicht allerdings auch dichterische Ausschmückung
  12. Hincmars Annalen und Annalen von St. Vaast zum J. 877
  13. Ekkehardts IV. Casus Scti Galli I, 22
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