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Die Goldschmiedekunst der Goten liefert maßgebliche Zeugnisse der Entwicklung des germanischen Kunststils zur Völkerwanderungszeit (z.B. in der Ornamentik), als der „barbarische“ Geschmack der europäischen Völkerschaften auf die klassische Goldschmiedekunst einwirkte.

Beschreibung

Wenn man von 'germanischen Einflüssen' auf die klassische griechische und römische Goldschmiedekunst reden kann, wie sie u.a. in den reichen Funden Osteuropas und Vorderasiens entgegentreten, so kommen hierfür vor allem die Goten samt den ihnen nahe verwandten Stämmen der Gepiden und Vandalen in Betracht, die bei den großen Schatzfunden von Petroassa und Nagyszentmiklós zumindest als die vermutlichen einstmaligen Besitzer begegnen.

Die Goten und ihre verwandten Stämme hatten schon früher wiederholt die Grenzen des römischen Imperiums beunruhigt. Doch zu den „Totengräbern des römischen Volkes“, wie Ammianus Marcellinus sich ausdrückt, zum „Verderben des römischen Staates“, wenigstens der westlichen Reichshälfte, wurden sie erst seitdem sie durch den Hunnensturm aufs neue in Bewegung gerieten und die bewaffneten Scharen zunächst der Westgoten nach dem Übergang über die Donau „dicht wie die Asche des Ätna“ über Mösien und Thracien hereinbrachen.

Einfluss auf die Goldschmiedekunst

Unter den erhaltenen Goldschmiedearbeiten der Völkerwanderungszeit sind eine ganze Anzahl, die sich mit mehr oder minder großer Sicherheit auf die West- und Ostgoten, sei es als Auftraggeber oder auch als Verfertiger zurückführen lassen. In ihnen allen überwiegen die koloristischen Kunstabsichten [1], die im Wesentlichen durch das Zellenmosaik ausgedrückt werden, woraus wir auf eine ausgesprochene Vorliebe der Goten für diese Stileigentümlichkeiten schließen können.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit war eben dieser Germanenstamm auf seinen weiten Wanderzügen durch die Balkanhalbinsel, Italien, Gallien, nach Spanien und bis nach Afrika (Vandalen) und bei der Herrscherrolle, die den Goten in verschiedenen Epochen und Ländern zuteil wurde, der eigentliche Träger jener Kunstweise und wurde ihr Hauptverbreiter auch unter den anderen germanischen Stämmen.

Westgotische Funde

Rekkeswinth Krone Schatz von Guarrazar, Felicísimo 2016-08-28

Weihekrone von König Rekkeswinth (Spanien, 649-672)

In die Mitte des 4. Jhds. sind nach den mitgefundenen Münzen eine Goldkrone und verwandte Schmuckstücke aus der Krim zu setzen, bei denen die Granaten in niedrigen Kästchen aus Goldblech aufsitzen [2]. Wohl der Zeit, als sich König Alarich I. mit seinen Goten im Peloponnes aufhielt (396 bis 397), gehört ein westgotischer Goldschmuck an, der 1890 in einem Felsengrab bei Mykene gefunden wurde: zwei Schlangenarmbänder und ein Diadem, letzteres mit roten und grünen Steinen oder Glas eingelegt.

Wie diese Stücke ist wohl auch der Siegelstein von Alarich II. (484-507), der sich erhalten hat [3], die Arbeit eines westgotischen Künstlers und ebenso die Gegenstände, die sich 1842 in dem mutmaßlichen Grab des Westgotenkönigs Theoderich I. († 451 in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern) zu Pouan bei Troyes fanden: Fibeln, Arm- und Halsringe, der Griff eines Dolches und eines Schwertes in Gold mit Granaten [4]. Manche Mängel der technischen Ausführung lassen mit Sicherheit darauf schließen. Reichlich fanden sich westgotische Schmucksachen, zumeist aus Bronze, u. a. auch in den Gräbern von Laurens [5].

Die bedeutsamsten Stücke westgotischer Goldschmiedekunst sind 12 kostbare goldene Votivkronen („Westgotische Weihekronen“) aus dem 7. Jhd., zum Teil mit an langer Kette herabhängenden Kreuzen, mit Zellenverglasung aus tafelförmig geschliffenen Almandinen oder mit gemugelten Steinen in Kästchenfassung und mit durchbrochener Arbeit reich verziert.

Manches kostbare Gerät wanderte auch schon frühzeitig in andere Länder, wie denn z. B. Gregor von Tours von dem Frankenkönig Childebert I. (511-558) berichtet, dass er, als er mit der sterbenden Schwester, der Witwe des Westgotenkönigs Amalarich († 531), aus Spanien zurückkehrte, von dort zahlreiche Kostbarkeiten und allein an Kirchengeräten 60 Kelche, 15 Schüsseln und 20 Evangelienbehältnisse, alles aus lauterem Gold und mit wertvollen Steinen geziert, mit sich geführt habe. Aber er ließ diese Sachen nicht zerschlagen, sondern verteilte und verschenkte alles an die Kirchen und Gotteshäuser der Heiligen.

Ostgotische Funde

Adlerfibel von Domagnano, Sailko 2011-11-03

Ostgotische Adlerfibel aus dem Schatz von Domagnano (San Marino, ca. 500 n. Chr.)

Auch aus den Zeiten der Ostgotenherrschaft in Italien wird uns von manchem kostbaren Schmuckstück berichtet. Die goldenen Kronen, die König Theodahad (535-540) jährlich an Kaiser Justinian als Tribut zu senden hatte [6], betrugen zwar im Gewicht je 300 Pfund, werden aber wohl nur ziemlich kunstlose, in Form von Kronen gegossene Goldklumpen gewesen sein.

Wenn wir aber von der goldstrotzenden Rüstung lesen, in der Totila im Jahre 552 vor der Schlacht von Taginae zwischen den beiden Heeren seine Waffen- und Reiterkünste ausführte und die er dann allerdings, als es zum Kampfe ging, mit einer anderen vertauschte [7], so erinnern wir uns durchaus der Fragmente eines Harnischs, die 1854 in unmittelbarer Nähe des Grabmals Theoderich des Großen in Ravenna ausgegraben wurden, und die heute das Museum dort bewahrt.

Es sind breite goldene Bänder und Rahmungen, die in ihrer ganzen Ausdehnung nach Art der Zellenverglasung mit tausenden von Granaten geschmückt sind oder zumindest waren. Das in der geometrischen Musterung auftretende Zangenornament lässt hier kaum einen Zweifel darüber, dass wir es mit der Arbeit eines ostgotischen Goldschmieds zu tun haben. Diesem trefflichen Werke nah verwandt sind die Hauptstücke aus dem „Schatz von Domagnano“, südlich von Ravenna (1893) [8].

Allerdings ist die Gewissheit über den gotischen Ursprung einzelner Goldschmiedearbeiten in vielen Fällen kaum zu gewinnen, und insbesondere ist es oft schwer zu entscheiden, ob sie noch der Zeit der Ostgoten zuzurechnen sind oder bereits in die der Langobarden fallen, die sich in der 2. Hälfte des 6. Jh. zu Herren von Italien machten.

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Quellen

Literatur

  • Prokopios von Caesarea, Gothenkrieg (Internet Archive). Übersetzung David Coste. Leipzig : F. Duncker, 1885. 2., unveränderte Auflage, Leipzig 1903.

Einzelnachweise

  1. Alois Riegl
  2. Ethnologisches Museum (Staatliche Museen zu Berlin). SMB-digital
  3. Siegelstein Alarichs II. im Kunsthistorischen Museum Wien (http://www.khm.at/), Antikensammlung, VIIb 23
  4. Museum in Troyes
  5. Hérault, Südfrankreich, im alten Septimanien
  6. Prokop, Gotenkrieg I, 6
  7. Prokop, Gotenkrieg IV 31
  8. Teile im Germanischen Nationalmuseum (GNM) Nürnberg, im Ungarischen Nationalmuseum in Budapest oder verschollen
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