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Heldenlieder zählen zur Kunstmäßigen Einzellyrik als Gattung der altgermanischen Dichtkunst. Das Merkmal solcher Epischen Dichtungen ist, dass darin die Taten eines Helden besungen werden.

Beschreibung

Heldenlieder sind sowohl im süd- als auch nordgermanischen gleichermaßen bewahrt. Die nordische Heldendichtung hat sich dabei in viele Kunstformen verästelt. Der älteste, gemeingermanische Typus ist ein Gedicht von ca. 80-300 Langzeilen, das in seinem unmittelbaren Verlauf eine 'Heldensage' als gegenwartentrückte heroische Fabe führt.

Typischer Aufbau

Die Erzähl- und Redeverse sind beim ältesten Typus von Heldenliedern annähernd gleich stark vertreten ('doppelseitiges Ereignislied'), die Handlung wird einheitlich, bis zum Schluß der Fabel geführt. Bisweilen setzt sie jedoch mitten in der Verwicklung ein, mit raschem Szenenwechsel, und ohne Zustandsmalerei oder beschauliche Reden. Die Zahl der Auftritte schwankt zwischen einem und etwa 12, die der handelnden Personen bewegt sich zwischen 2 und etwa 10.

Die Haltung der Dichtung ist im Ganzen als episch-dramatisch zu bezeichnen; lyrische Ausbrüche ordnen sich unter (s. Finnsburgh, Atlakvidha). Das Heldenlied ist jedoch keine Dichtung zum Lob der Ahnen und des Stammes. Dem Preis- oder Zeitgedicht gegenüber ist es der kunstvollere, reichere, bewegtere und gegliedertere Organismus. Eine Stegreifdichtung war hier immer nur zu gelegentlicher Lückenbüßung möglich; die Wandlung der Texte war weniger ein mechanisches Zersingen als ein bewußtes Umdichten.

Beispiele hierfür sind z.B. der Vergleich vom Hildebrandslied des 8. Jhds. zur Version des 14. Jhs., und vom ursprünglichen alten Atlilied (Atlakvidha) zum grönländischen Altlamal (jüngeres AtliLied). Die Ausdrücke 'Ballade' und 'Rhapsodie' füür Heldenlieder sind dabei eher irreführend. Das "Heldenlied" ist der gegebene term. techn, für das gesungene wie das unsangbare Werk. Der westnordische Name war kviða; ein südgermanischer Sondername ist nicht bekannt.

Entstehung

Die Entstehung des germanischen Heldenliedes ist nicht gänzlich geklärt. Erwägt man, dass es keine primitive, sondern eine verhältnismäßig hochstehende Kunstform ist, dass die Zeugnisse mit Jordanes beginnen und dass die historischen Sagennamen bis ins 4. Jhd. zurück weisen, so kann man schlußfolgern: die Heldendichtung war eine der Neuerungen der Völkerwanderungszeit.

Der Ausgangspunkt muß bei einem Volk zu suchen sein, und da kann die Wahl nur auf die Goten fallen. Das Heldenlied tritt dann in eine Reihe mit der Runenschrift und den kunstgewerblichen Formen, die aus dem pontischen Gotenreich im 3. und 4. Jhd. zu den anderen Germanen zogen. Ein fremdes Vorbild, wie für die Runen und die Fibeln, kann man für das Heldenlied nicht nennen. Byzanz und Rom hatten nichts Ähnliches. Von der armenischen Heldendichtung ist zu wenig bewahrt, als dass ihre Einwirkung auf die gotische abzuschätzen wäre. Einer der wenigen denkbaren Einflussfaktoren kann jedoch, abgesehen von der allgemeinen Steigerung des Lebensgefühls, die Bekanntschaft mit dem Mimus im Theater der römischen Antike gewesen sein.

Als germanische Vorstufe des Heldenliedes kann man das Preislied bzw. Zeitgedicht ansehen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass das Heldenlied daraus organisch gewachsen ist, durch Eindringen von Übernatürlichem, Idealisierung oder dramatischer Durchformung. Es ist kein Fall bekannt, wo ein Zeitgedicht allmählich zum Heldenlied geworden wäre, weder bei den überlieferten süd- noch den nordgermanischen Originalen. Nur wo man es mit lückenhaften Anspielungen oder schlichten Chronistenumschriften zu tun hat, da fühlt man sich wohl einmal in der Schwebe zwischen den beiden Gattungen der Dichtkunst.

Zu den stofflichen Quellen des Heldenliedes gehörte gewiß aber auch das Zeitgedicht, und dessen Sprach- und Verskunst ging an die jüngere Gattung über: Insbesondere die 'hymnischen' Stilfiguren (s. Hymnus), die ihre Wiege im Preislied haben, können zumeist im Predigtstil auf Buchepen, wie den Heliand, eingewirkt haben. Dennoch, die Kluft zwischen den beiden Kunstformen erscheint zu breit für ein unmerkliches Hinüberwachsen vom Loblied zum Heldengedicht, phylogenetisch wie ontogenetisch.

Verfasser

Allerdings waren es durchaus dieselben Dichter für Loblieder als auch Heldenlieder; das zeigen besonders klar das Beowulfepos und der Widsith. Zuerst an den Höfen als Dichtung für das Kriegergefolge des Fürsten gepflegt, hat sich das Heldenlied oft auch zum Gelage eines behäbigen Großbauers ausgedehnt. Seine Ideale eines ganzen waffenführenden Volkes waren jedem verständlich; und für eine Standespoesie wie die spätere ritterliche waren die Kulturbedingungen noch gar nicht vorhanden.

So stammt auch die reichste Überlieferung von Heldenpoesie aus dem adel- und fürstenlosen Island. In der ganzen altnordischen Zeit (9. bis 13. Jhd.) hat das Heldenlied keine erkennbaren Beziehungen zum Fürstenhof: das Preislied ist das Schoßkind der Hofkreise, ein einziges Mal ertönt ein eddisches Heldengedicht in der Nähe des Königs (die Biarkamál, Heimskringla 2, 463). Im Allgemeinen wurde es höchstwahrscheinlich bei den isländischen Landwirten gepflegt, beim freien Volk, und die Verbauerung wird auch ab und an spürbar.

In Deutschland und wohl auch England wich das Heldenlied an den Höfen den kirchlichen, buchmäßigen Unterhaltungen (s. Einhard, Vita Karoli Magni c. 24, Alkuin) oder auch den Jongleurspäßen; es sank zu einem niederen Publikum herab, hallte aber auch in Klöster herein (Eckehards Waltharius, Widukind u.a.) und reichte im 12. / 13 Jhd. den Stoff als Grundlage für mehr oder weniger ritterliche Buchepen (vgl. Dichter).

Beispiele

Beispiele für altgermanische Heldenlieder sind:

  • Hildebrandslied - Das einzige erhaltene altgermanische Heldenlied aus einer Handschrift des 8. oder 9. Jhs.
  • Völundarkvidha - Das Lied / die Sage von Wieland dem Schmied
  • Waltharilied - (Waltharius). Die Sage von Walther und Hildegund

Weitere literarische Zeugnisse für das Heldenlied bis ca. 800 sind ebenso:

  • 1. Jordanes (c. 5) und mehrere Helden des 4. Jhds., darunter Widigoia, der Witege der Heldendichtung.
  • 2. Beowulf (V. 875 ff.): der Hofdichter läßt dem Preisliede auf Beowulf ein Heldenlied von Sigemund folgen.
  • 3. Beowulf (V. 1064 ff.) derselbe Sänger (scop) singt vor Healfdenes Sohn zur Harfe das Heldenlied von Hengest-Finn. [1]
  • 4. Alkuin (a. 797) wünscht, dass beim Mahle der Priester in Nordengland der Vorleser gehört werde, nicht der Harfner, und berichtet von Hinieldus (= dem Helden der Ingeldsage).
  • 5. Vita Liudgeri (c. 790): Aussage über den blinden Friesen Bernlef, der von seinen Nachbarn sehr geliebt wurde, weil er freundlich war, und auch die Kämpfe und Taten der alten Könige zu besingen wusste.
  • 6. Einhard (Vita Car. c. 29): Eine Stelle zwischen dem Aufzeichnen der Volksrechte und der grammatica patrii sermonis, die sich auf die deutsche Gedichte beziehen. Das dort erwähnte 'antiquissima... veterum regum' spricht für Heldenlieder, nicht Zeitgedichte.

Spätere literarische Quellen bezeugen das Fortleben kurzer, sangbarer Heldenlieder in der endreimenden Zeit.

Problematiken

Von den Beispielen, die man für Heldenlieder früher häufig anführte, muß man jedoch durchaus vorsichtig sein, da mehrere eher einer anderen Gattungen der Dichtkunst angehören. Das Lied zur Harfe z.B. ist durchaus nicht ohne weiteres ein Heldenlied. Zweifelhafte Beispiele, wo nicht eindeutig ist, ob sie eher den Lobliedern oder doch den Heldenlieder zuzuordnen sind, sind die folgenden Aussagen in alten Quellen:

  • Apollinaris Sidonius (Ep. I, 2): "der Westgotenkönig in Tolosa liebt an seiner Tafel nur die Gesänge" (lat. "quibus non minus mulcet virtus animum quam cantus auditum." )
  • Widsith (V. 103 ff.): "Als Shilling und Ich mit reinen Stimmen vor unserem königlichen Herrn anhoben zum Lied, as laut zur geschlagenen Melodie der Harfe..."
  • Beowulf (V. 496): "Es scholl aus des Sängers Mund ein Lied" [1]

Quellen

Einzelnachweise

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