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Je weiter wir in der Geschichte der europäischen Völker zurückgehen, eine desto größere Rolle spielt die Jagd als Erwerbsquelle. Während die Anwendung von Schlingen, Fallen, Gräben, Umzäunungen, versteckten Spießen usw. eher zur Nutzjagd gehört, wurde der Jagdsport meistens entweder mit Speer und Pfeil oder mit Falken ausgeübt (s. Falkenbeize).

Beschreibung

Im Mittelalter wurde zwischen der Hohen und der Niederen Jagd unterschieden. Erstgenannte war dem Adel vorbehalten und beinhaltete die Jagd auf Hochwild, also Paarhufer wie Hirsche und Wildschweine, aber auch Fasane. Die Waffe des berittenen Jägers war das Jagdschwert. Da das Wild vom Pferd aus erlegt wurde, war die Klinge länger als bei einem Kampfschwert und diente eher als Stich- denn als Hiebwaffe. [1]

Sowohl bei der Nutzjagd als auch beim Jagdsport bediente man sich gern der Jagdhunde (dýr, veiði-, etju-hundar), von denen vornehme Leute ganze Koppeln hielten, die von besonderen Dienern (hundasveinar) bewacht wurden. Jagd mit Speer und Pfeil geschah auf verschiedene Weise, je nach der Art des Wildes und den äußeren Umständen. Der Speer wurde hauptsächlich gegen großes Wild wie Wildschweine und Bären angewendet, Pfeil und Bogen hauptsächlich gegen kleines Wild. Meist streiften die Jäger einzeln umher, schlichen teils ohne Hunde an das Wild heran, oder lockten es durch Nachahmen ihres Lauts, teils mit Hunden, die die Tiere aufstöberten und aufschrecken sollten (reisa dýr).

Hatten die Hunde ein Wild aufgespührt, wurden sie darauf gehetzt und mussten es aufhalten (renna hundum at dýrum, hundum verpa, Ark. 24, 199). Der Jäger folgte alsdann zu Fuß nach, oder zu Pferde oder auf Schneeschuhen - je nach den Umständen. Dann verfolgte er seine Beute, bis er das flüchtende Tier traf, oder bis ihm die Ausdauer ausging und er aufgeben musste. Besonders konnte die Elchjagd den Schneespuren nach sich lange hinziehen, zuweilen mehrere Tage.

Gesellige Vergnügung

Außer Tanz und Ballspiel galt auch die Jagd schon in alten Zeiten nicht bloß als Abwehr wilder Tiere oder Mittel zur Gewinnung von Wilbbret und Pelz, sondern war auch eine gesellige Vergnügung. In der altnordischen Sagen gaben sich Götter und Riesen damit ab, und die Ausführlichkeit, mit der hierher gehörige Dinge, z. B. die Unterarten der Jagdhunde, die in den Leges Barbarorum behandelt werden, bezeugen die Wichtigkeit der Sache. Für die einfachen Leute war die Jagd im Mittelalter durch die Erklärung zum Regal (Königsrecht) eingeschränkt, obwohl noch nach dem eigentlichen Mittelalter viele Gegenden freie Pirsch hatten. Um so mehr bleibt sie der Sport der Edlen.

Das Jagdzeremoniell der Ritterzeit, wie es Gottfried von Straßburg († um 1215) im "Tristan" (2757 ff.) beschrieb, ist eine französische Entlehnung und hielt sich vielerorts bis ins 19. Jh. Aber die Art, wie bereits im Nibelungenlied gejagt wurde, in großer Hofgesellschaft, mit Zelten, Speise und Trank, mit Abstellung durch Treiber usw. doch sonst noch weit formloser, gibt ein ungefähres Bild von der Jagd der fränkischen Zeit, - in der das dort genannte Wild, Ure, Wisente, Elche usw. noch heimisch war; obwohl die poetische Lizenz auch einen Löwen nennt, den mitteleuropäischen Landschaften in dieser Zeit jedoch nicht beherbergt haben.

So gut wie reiner Sport ist die Falkenbeize, die bei den germanischen Völkern etwa vom 3. Jh. an nachzuweisen ist. Auch im Frankenreich war sie sehr beliebt. Der deutsche Prähistoriker Ludwig Lindenschmit der Ältere (1809-1893) deutete die krummschnäbligen Vögel, die sich öfters im Gewandschmuck merowingischer Zeit finden, als Falken, obwohl eine Auslegung auf den sehr beliebten Papagei auch nicht unmöglich wäre. [2]

Schon in den Leges Barbarorum hat der Jagdfalke hohen Wert, in Norwegen war er königliches Recht. Die Falkenjagd blieb ein sehr beliebter Sport der Vornehmen noch über das Mittelalter hinaus; insbesondere beliebt, weil sie auch von Damen getrieben werden konnte. Ihnen wird der gezähmte Raubvogel zum Bild des Geliebten; eine poetische Vorstellung, welche zwar in Deutschland erst gegen 1200 auftritt (Nibelungenlies, 13 ff.), aber viel älter sein muß, weil sie auch in Nordeuropa (Völsunga saga 25) vorkommt.

Arten

Falkenjagd

Die Falkenjagd in Nordeuropa ist sehr alt. In alten Sagen tritt der Falke als Attribut des Helden auf, ist sein stolzer Schulterschmuck in der Halle und im Wald. Auch wenn der verstorbene Held auf den Scheiterhaufen gelegt wurde, folgte ihm sein Jagdfalke (Sigurdarkvidha 6). In Kriegergräbern Skandinaviens fand man bereits ca. 500 n. Chr. die Skelette von Jagdfalken. Die Skalden der Wikingerzeit umschreiben die Arme als Sitz des Falkens, und ihre Geschichtschreiber stellen gern die Häuptlinge dar, wie sie die Falkenjagd ausüben (z.B. Olaf Schoßkönig und Waldemar der Große). Auch Frauen werden als Besitzerinnen von Jagdfalken erwähnt (so z.B. Astrid, die Tochter des Tryggvi). Auf Island wurde auf dem Allthing im Jahre 1024 der Vorschlag gemacht, Olaf dem Heiligen als Ehrengaben zu senden: Falken, Pferde, Zelte oder Segel, anstatt ihm die Insel Grimsey abzutreten. Selbst betrieben die Isländer diese Jagdart nicht, aber sie fingen gern Falken für ihre Freunde im Ausland ein.

Treibjagd

Der wälsche Gast, cpg 389, Bl. 051v, Trachtenkunstwer02hefn Taf.107C

Bärenhatz mit Jägern und Jagdhunden (Der wälsche Gast, 1215-1216)

Die Treibjagd wurde bereits in alten Sagen (Örvar-Odds saga 147) angedeutet, indem dort hervorgehoben wird, dass die Schützen sich aufstellten und warteten, bis die Tiere in Schussweite kamen. Diese Andeutung wird gestützt in schwedischen Provinzialgesetzen, in denen den Bauern auferlegt wird, mindestens fünfmal jährlich Treibjagd (skall, skallavret) auf Bären und Wölfe abzuhalten.

Nordeuropa

Noch in der Wikingerzeit nimmt die Jagd - abgesehen von Fischerei und Walfang - einen bedeutsamen Platz unter den verschiedenen Ernährungsquellen der Nordeuropäer ein, je nach der verschiedenen Beschaffenheit der Naturverhältnisse. Während die Bewohner des nördlichen Skandinavien, das zwar für Ackerbau ungünstig war, jedoch reiche Wildbestände hatte, sowohl zu Wasser also auch zu Land ein ein ausgeprägtes Jagdleben führten, tritt im südlichen Skandinavien die Erwerbsjagd vor anderen Nahrungsquellen in den Hintergrund.

Jagdrecht

Nach dem älteren Gulathingsgesetz verlor der, der ein Wild aufgescheucht hatte, sein Recht daran nicht, so lange er es verfolgen wollte, selbst wenn es zwischenzeitlich von einem anderen erlegt wurde; nur daß dieser einen Anteil für seinen Schuß erhielt. Im schwedischen Recht findet sich der Brauch besonders für Elche geltend, daß der, der die Verfolgung aufgab, einen Pfeil in die Spur stecken sollte, um sich diese zuzueignen; niemand hatte dann innerhalb dreier Tage das Recht auf dieser Spur zu jagen.

Bären zu erlegen, wurde als eine verdienstliche Handlung angesehen, besonders weil der Bär ein verhaßtes schädliches Tier war, das zusammen mit Fuchs und Wolf durch die Gesetzgebung geächtet wurde. Es wurde sogar ein Preis auf seinen Kopf ausgesetzt, wenn er nicht im Winterschlaf lag, während das Jagdrecht auf andere Tiere, geringe Ausnahmen abgerechnet (Jagd auf kleines Wild ohne Hunde), dem Grundbesitzer vorbehalten blieb (vgl. jedoch die Erinnerungen des Westgötagesetzes an eine vollkommen freie Jagd).

Jagdsport

Auch als Sport wurde die Jagd in größerem Maßstabe von Nordeuropäern der Urzeit betrieben, die es verstanden, ihre vielfältige erzieherische Wirkung zu schätzen. Es war ja nicht die Schießfertigkeit allein, die hier ausgeübt wurde, sondern manche andere Fertigkeiten: Tüchtigkeit im Laufen, Springen und Klettern, ferner Reiten, wenn der Jäger zu Pferde war, oder Schneeschuhlaufen, wenn die Jagd in schneebedeckten Gebirgsgegenden vor sich ging. Die sportliche Jagd diente also sowohl für leibliche als auch für eine geistige Ausbildung: Stärke und Gewandtheit, Umsicht, Mut und schnelle Entschlossenheit. Kurz gesagt, sie wurde als ein unentbehrliches Erziehungsmittel betrachtet.

Abgesehen von der Winterjagd auf Schneeschuhen, die gern sportsmäßig von Gebirgsbewohnern betrieben wurde, war der Jagdsport hauptsächlich im südlichen Skandinavien und Dänemark zu Hause, wo sich große Waldstrecken mit reichem Waldbestand fanden. Für diese Gegenden trifft man früh in Erzählungen und Sagen auf Berichte, wie der Häuptling mit seinem Gefolge oder der junge Edeling mit einer Schar Kameraden durch Heide und Wald streift, und Jagd auf Wildschweine, Bären, Hirsche, Elche, Füchse, Wölfe, Hasen und Vögel macht.

Mythologie

Innerhalb der germanischen Mythologie tritt die Jagdgottheit Ullr besonders für die Winterjagd auf; er ist zugleich der Gott des Schneeschuhlaufs und des Bogenschießens (veiðiáss, ǫnduráss, bogaáss). Auf Gedenksteinen werden Jagdszenen zur Ehre für den Dahingeschiedenen dargestellt. Auch in fremden Quellen wird die Jagdlust der Nordleute bezeugt.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Landesmuseum Württemberg (auf Museum Digital). "Sauschwert für die Jagd, um 1500" zuletzt bearbeitet 2018-01-17, Lilian Groß.
  2. Handbuch der deutschen Altertumskunde (Internet Archive). Ludwig Lindenschmit. Braunschweig, 1880-89. S. 452 ff. Tafel XXIII f.
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