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Crystal keditbookmarks.png Dieser Artikel wurde am 13.04.2021 als Spotlight vorgestellt.

Das Leder (ahd. ledar, ags. leþer), als Kleidungsmaterial war von allgemeiner Bedeutung. Es bezeichnete zugleich Pelzwerk und Leder im heutigen Sinne. Der Unterschied zwischen Fell und gegerbtem Leder zeigt sich erst spät in den europäischen Sprachen.

Beschreibung

Tierfelle oder haarlose Tierhäute müssen vor der Verarbeitung zunächst haltbar gemacht werden; Felle werden zu Pelzen veredelt, rohe Tierhäute zu Leder gegerbt. Als „Leder“ bezeichnet man folglich eine Tierhaut, die durch verschiedene Gerbprozesse verändert und aus dem leicht verweslichen Zustand der Rohhaut in einen Zustand größerer Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen übergegangen ist und noch andere vorteilhafte Eigenschaften erlangt hat.

Im Gegensatz zur unbehandelten Rohhaut ist das Leder ein deutlich faseriges, nicht mehr durchscheinendes Gewebe und besitzt entweder eine gewisse Weichheit und Geschmeidigkeit (Weißgarleder, Sämischleder) oder eine gewisse Starrheit und Fertigkeit (Sohlleder). Es widersteht selbst in der Nässe lange der Fäulnis und liefert beim Kochen mit Wasser überhaupt nicht oder erst nach einiger Zeit Leim.

Ausgangsmaterialen und Begriffe

Die tierische Haut besteht im Wesentlichen aus drei voneinander verschiedenen Schichten, und zwar, von außen nach innen betrachtet, aus:

  • Oberhaut (Epidermis), die sich wiederum aus Hornschicht und Schleimschicht zusammensetzt.
  • Lederhaut (Corium, Cutis), die aus Bindegewebsfasern besteht.
    • Obere Lederhaut - In diesem äußeren Teil der Lederhaut findet sich die Papillarschicht, welche für die Narbung des Leders ausschlaggebend ist. Sie bildet ein außerordentlich feines Gewebe, welches „intermediäre Lederhaut“, vom Gerber „die Narbe“ genannt wird.
    • Untere Lederhaut - Die darunter liegende Retikularschicht ist für die Stabilität des Leders verantwortlich. Durch ihren Aufbau ist die Lederhaut besonders reißfest und elastisch. [1]
  • Unterhaut (Subcutis), die für die Ledererzeugung uninteressant ist und auch Schabefleisch bzw. Leimleder genannt wird. [2]

Zur Herstellung von Leder dient nur die Lederhaut, weshalb von der Rohhaut die Ober- und Unterhaut vor dem Gerben entfernt werden. Das Produkt wird vom Gerber „Blöße“ genannt.

  • Rohhaut - die unbehandelte, abgezogene und entfleischte Tierhaut.
  • Blöße - Bezeichnet die Lederhaut vor dem Gerben, nachdem sie von Oberhaut, Unterhaut und Haaren befreit und geäschert wurde. [3]

Die Häute sind nach Tiergattung, Alter, Geschlecht, Zähmung, Mästung etc. sehr verschieden. Die Zähmung macht die Haut dünner und feiner, Milchhäute (Kalb-, Lamm-, Zickelfelle) sind dünner und von feinerer Struktur als die der erwachsenen Tiere (Strohfresser). Die wichtigsten Häute für die Gerberei sind die des Rindviehs. Wild hat stärkere, festere Haut als zahme Tiere, Weidevieh stärkere als im Stall gefüttertes.

Verarbeitung

Der Gerber & Pergamenter (Jost Amman, 1568)

Zu den Prozessen der Lederverarbeitung gehört z.B.:

  • Konservierung und Lagerung - Aufhalten des Verwesungsprozesses bei frischen Tierhäuten.
  • Entfleischen - Entfernen von Unterhaut und anhaftendem Fleisch von der Fleischseite der Rohhaut. [4]
  • Weichen - Aufwalken in kaltem Wasser, um Blut und Schmutz zu entfernen. [5]
  • Äschern - entfernt die Haare von der Rohhaut, reduziert deren Fettanteil und bereitet sie so auf das Gerben vor. Das Produkt ist die sog. Blöße. [6]
  • Beizen - entfernte den Kalk aus den geäscherten Häuten und machte diese aufnahmefähiger für die Gerbung.

Gerben

Zurichten

Lederer Heinz Zilßhorn (Nürnberger Hausbücher, 1488)

  • Blanchieren - Bearbeitung (Glattschleifen) der Fleischseite.
  • Chagrinieren - Leder mit einem künstlichen körnigen Narbenmuster (Chagrin) versehen
  • Degraissieren - Entfetten (siehe auch: Degras).
  • Fetten (Schmieren) - Durch die Handschmiermethode oder das Einbrennen. Das nicht-eingezogene Fett („Abstoßfett“) wird durch „Stoßen“ entfernt.
  • Glasen - Glänzendmachen bzw. abschleifen des Narbens mit einem in einer Holzkette sitzenden, an der Längsseite rund abgeschliffenen Stück Spiegelglas. Geglast wird der Rand von Sohle und Absatz (Sohlenschnitt), wobei Unebenheiten ausgeglichen werden. [7]
  • Krispeln - Leder mit dem Krispelholz weich und geschmeidig machen und dabei die Narbung hervortreten lassen. [8]
  • Pantoffeln - Leder durch (mechanische) Bearbeitung, bei der der Narben außen liegt und dadurch glatt bleibt, mit dem Pantoffelholz weich machen (Narbenseite auf Narbenseite). [9]
  • Recken - Zurichtung bei der Weißgerberei, bei der das Leder durch Dehnen geschmeidig gemacht wird.
  • Schlichten - Zurichtung zum Weichmachen des Leders.
  • Stollen - Zurichtung zur Egalisierung der Fleischseite.
  • Stoßen - glattes Niedergelegen der Narbung mit dem Stoßeisen („Schlicker“), wodurch kleine Eindrücke auf der Narbenseite beseitigt werden.
  • Lederfärberei - Färben von Leder mit z.B. Blauholz und Eisenschwärze (zum Schwärzen)
  • Lederprägung - die Änderung der natürlichen Narbenstruktur einer Tierhaut durch das Aufpressen oder Aufwalzen eines neuen Narbenbildes.
  • Lederschnitt (Ledertreiben, Lederpunzen) - Verzierung, bei der ein Motiv mit einem scharfen oder stumpfen Werkzeug Leder geschnitten bzw. eingedrückt wird.

Anwendung

Nach dem Gerben wurde das Leder dann meist zu Kleidung verarbeitet, jedoch auch zu Schuhen, Taschen, Sätteln, Riemen, Rüstungsteilen, Bucheinbänden, Trommelfellen, Messerscheiden und Griffbändern, ungegerbt zu Pergamentpapier, ja sogar zu speziellen Werkzeugen. Im Mittelalter dienten Tierhäute teils auch als Zahlungsmittel (Handelspelze) in Form des sog. „Fellgeldes“. Geringwertige Häute sowie daraus gemachtes Leder wurden, außer für Hosen und Schuhe, nur für Blusen, Wämser und Hauben für Leute niederen Standes benutzt.

  • Corduanleder (urspr. von Córdoba in Spanien stammend). Ein feines Leder als Material für die prächtigsten Lederhosen und Lederschuhe.
  • Crownleder wird gewöhnlich aus Rindshäuten hergestellt und fast ausschließlich zur Herstellung von Schlagriemen verwendet.
  • Fettgarleder wird gewöhnlich aus Rindshäuten hergestellt und fand besonders zu Näh- und Binderiemen Verwendung.
  • Fischhaut war das minderwertigste Leder und wurde nur für Schuhe für Sklaven und niedere Dienstleute genutzt.
  • Glacéleder - ein zartes, weiches Ziegen- oder Lammleder, welches durch Glacégerberei in einem Brei aus Alaun, Kochsalz, Mehl und Eigelb erzeugt wird. [10]
  • Haifischleder diente zur Waffengriffbelederung, z.B. für Schwertgriffbänder von Katanaschwertern oder Borosoleder vom Perlhai auf europäischen Schwertgriffen.
  • Kidleder - ein weiches Ziegenleder, welches durch Kidgerberei mithilfe von Alaun, Eidotter und Mehl erzeugt wird.
  • Pergament- und Trommelleder sind aufgetrocknete Blößen aus Esels- und Schweinshäute, Kalb-, Schaf- und Ziegenfellen.
  • Pferde-, Esel- und Maultierhäute waren ein geeignetes Material für Oberleder, Sohlleder, Kutschenverdecke und Sattlerarbeiten; hauptsächlich wurden sie aber für Corduan verwendet.
  • Rindshaut war unter allen in der Gerberei verwendeten Rohhautsorten entschieden die wichtigste. Es war das Sohlenmaterial für Schuhe, wurde auch als Schaftleder bevorzugt und diente als Riemen- und Sattlerleder.
  • Schafsfelle waren besonders von jungen Tieren geschätzt, welche zur Herstellung von Glacéleder verwendet wurden. Sie dienten als Leder für Handschuhe, Pantoffel, Futterleder, auch farbiges Leder für Buchbinderei etc. .
  • Schweinshaut diente z.B. als festes Sattler- und Buchbinderleder.
  • Ziegen lieferten ein sehr gutes Fell für feinere Leder (Luxusschuhe, Buchbinderarbeiten, Handschuhe u.s.w.). Daraus machte man Maroquin, Saffian und genarbtes Oberleder für Damenschuhe.

Felle und Pelze

Ein Kürschner zeigt einem Kundenpaar ein Fehwammenfutter (Teil des von der örtlichen Kürschnerzunft gestifteten Fensters „St. Jakobus der Ältere“ der Kathedrale von Chartres)

Rohe Tierfelle wurden zunächst zu Pelzen veredelt. Im Handwerk der Kürschner und Pelzer hieß das Zurichten, wobei das Verfahren der jeweiligen Fellart angepasst sein musste. Die beiden Handwerkergruppen waren auch für die Verarbeitung der Pelze zu Kleidungsstücken ausgebildet, die Kürschner für die höherwertigen Pelze, die Pelzer für die billigeren. Einfache Zurichtmethoden beherrschten evtl. auch Jäger und Fellhändler.

Tierfelle bzw. Pelze wurden hauptsächlich für warme oder repräsentative Kleidung genutzt. Als einfachere Felle wurden betrachtet: Schaffell und -pelz, Ochsenfell, Kalbfell, Ziegenfell oder -pelz und Seehundsfell. Letztere nannte man, wenn sie unverarbeitet und zur Ausfuhr bestimmt waren, 'Handelsfelle'.

Als geringwertig betrachtete man Rentierfell und Wolfsfell; diese wurden für die Herstellung von Pelzen und Kleidung für Leute niederen Standes genutzt.

Als feinere Felle und Häute galten Hirschfell, sowie als Pelzwerk Lammfell, Katzenfell, Fuchsfell, Bärenfell, Eichhörnchenfell (Grauwerk, Fehwamme), Biberfell, Zobelfell, Hermelin, Otterfell, Marderfell und Luchsfell. Diese Pelzwerkfelle waren allzu kostbar, als dass sie von jedermann benutzt werden konnten. Sie wurden hauptsächlich von vornehmen und wohlhabenden Leuten gebraucht, um ihre Staatskleider, wie Mäntel, Kappen und verschiedene andere, sowie Hauben damit zu füttern und zu verbrämen.

  • Fellgeld waren Tierhäute, die als Zahlungsmittel dienten (sog. Handelspelze)
  • Handelspelz war ein nicht zugeschnittenes Schafsfell, welches als Bezahlungsmittel und Handelsware diente
  • Hirschfell war der Rohstoff für feine Handschuhe und Geldbeutel.
  • Rentierfelle und -pelze fanden sich als Bekleidungsmaterial kaum anderswo als im nördlichen Norwegen.
  • Robben- und Seehundsfelle lieferten Leder für Reisetaschen, Schurzfelle, Mützen und leichten Sommerschuhe.
  • Wolfsfell oder -pelz wurde als gering erachtet und für die Herstellung von Pelzen und Kleidung für Leute niederen Standes genutzt.

Geschichtliches

Die Gerberei zur Herstellung von Leder ist einer der ältesten Handwerkszweige. Die ausgedehnte Benutzung der Tierhäute führte zur Entdeckung einer Behandlungsweise, durch die sie vor Fäulnis geschützt wurden, und vielleicht gelang zuerst die Herstellung einer Art sämischgaren Leders. Aus dem Versuch, die durch Fäulnis enthaarten Blößen mit (gerbstoffhaltigen) Brühen zu färben, entwickelte sich die Lohgerberei.

Obwohl man bereits am Ende der Steinzeit begonnen hatte, Wollstoffe zu verarbeiten und sie zu Kleidern zu benutzen, verwendeten die Menschen, vor allem in Skandinavien, bis tief ins Mittelalter hinein ebenso noch überwiegend Fellstoffe für die Kleider. Darauf zumindest lassen Funde von Kuhhäuten und Tierfellen schließen, die man oft in Gräbern vorfand.

Völkerwanderungszeit

Pelzbekleidung wird bei Beschreibungen von Männertrachten seit dem 5. Jh. zwar oft erwähnt, aber mehr als Luxus- denn als nötiger Gebrauchsgegenstand. Am meisten geschätzt waren Marder, schwarzer Fuchs, Biber, Otter, Hermelin und Zobel, auch graues Eichhörnchen (Vehe) und Kaninchen.

Frühmittelalter

Hirte mit Rock mit blau gefärbten Pelz (um 1050-1120)

Karl der Große (747-814) benutzte auch noch den auerhaften Schafspelz und gab so den mit kostbaren Fellen bekleideten Höflingen ein gutes Beispiel von Einfachheit. Seit war dem 9. Jh. war „Corduan“, ein feines spanisches Leder von Cordova, beliebt.

Noch in der Wikinger- und Sagazeit (930 bis 1030) verwendete man für Kleidung die Felle von Wild- und Haustieren, neben anderen Stoffen, in sehr ausgedehntem Maße. Das geht auch aus der alten einheimischen Literatur hervor. So heißt es u.a. auch bei Adam von Bremen über die Isländer, dass sie in Schafpelze gekleidet seien („eorum [s. pecorum] vettere teguntur").

In diesem Zeitabschnitt jedoch wurden einfachere Fellstoffe zumeist von den niedrigeren Klassen benutzt, während vornehme und wohlhabende Leute neben den feineren Fellstoffen, also Pelzwerk, hauptsächlich verschiedene andere Kleiderstoffe, wie Wolle, Leinen, Baumwolle, Seide, Seidensammt usw. benutzten.

Hochmittelalter

Um 1050-1120 erscheinen als Überkleidung in Buchmalereien Röcke aus braunen Tierfellen, an deren Rändern blau gefärbte Pelze hervorstechen. Bei den Schuhen herrschten im 11. und 12. Jh. Ziegen- und Schafleder als Schaftmaterial vor. Der wendegenähte Schuh war typisch für das Mittelalter.

Spätmittelalter

Bis in das 15. Jh. wurden blau gefärbte Pelze an Kleidern auch bei Adligen in verschiedener Weise angewendet. [11]

Galerie

Verwandte Themen

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Quellen

Fußnoten

  1. Gusti-Leder-Lexikon: Hautschichten. Abgerufen am 23.02.2021.
  2. Lederpedia: Rohhaut Rohfell Hautaufbau und Histologie Einfuehrung. Abgerufen am 23.02.2021.
  3. Lederzentrum Wiki: Blöße. Abgerufen am 23.02.2021.
  4. Lederzentrum Wiki: Entfleischen. Abgerufen am 23.02.2021.
  5. Lederzentrum Wiki: Weichen. Abgerufen am 23.02.2021.
  6. Lederzentrum Wiki: Äschern. Abgerufen am 23.02.2021.
  7. Schuhkurier: Schuhe von A bis Z – das große Schuhlexikon (G). Abgrufen am 17.03.2021.
  8. Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: krispeln. Abgrufen am 12.02.2021.
  9. Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: pantoffeln. Abgrufen am 12.02.2021.
  10. Wikipedia: Glacéleder (DE). Version vom 22.02.2021.
  11. Hefner-Alteneck, Trachten, Kunstwerke. aaO. Bd. I, S. 34, Tafel 62
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