Mittelalter Wiki
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Als Liegenschaft, liegende Gründe oder liegende Güter bezeichnete man im mittelalterlichen Rechtswesen „das, was am Boden haftet“ - also unbeweglichen Besitz, wie z.B. Grundstücke. [1]

Beschreibung

Liegenschaften gewährten eine „Raumherrschaft“ und bilden im Rechtswesen einen eigenständigen Herrschaftsbereich, der als Gewere (Besitzrecht) bezeichnet wird. In ihm können sich auch Fahrnissachen (bewegliche Habe) befinden ("Sachen in Geweren").

Wenn auch im ältesten Recht zur Übertragung einer solchen hegenschaftlichen Gewere stets eine Übergabehandlung auf dem Grundstück selbst erforderlich war, so erkannte man doch schon früh, dass der Besitzer, der ja auch außerhalb des Grundstücks den Besitz daran inne hatte, diese überall auf einen anderen übertragen könne.

Doch bedurfte es dazu eines „kundbaren Aktes“, einer Handlung, die den Übergang des Besitzes versinnbildlichte, einer symbolischen Investitur, die besonders häufig vor Gericht vorgenommen wurde und bei der Veräußerung eines Grundstücks mit dem obligatorischen Vertrag (seit dem Mittelalter "Auflassung" genannt, s. Übereignung) verknüpft wurde.

Bestandteile

Auf Grund der tatsächlichen Unbeweglichkeit fallen unter Liegenschaftsrecht auch solche Sachen, die einem Grundstück als Bestandteil dauernd und fest eingefügt werden, also alles, was „niet- und nagelfest, erd- und mauerfest“ damit verbunden ist. So werden Steinhäuser mittelniederdeutsch als „upstánde erve“ bezeichnet (lat. hereditas lapidea). Das gleiche gilt nicht für das altgermanischen Haus und dem leichtgezimmerten Holzhaus des Mittelalters, das sich abreißen lässt, ohne die Erde zu verwunden. Dies ist Fahrnis nach dem Satz: „Was die Fackel verzehrt, ist Fahrnis.“ Doch erlangt es im Mittelalter oft Zubehöreigenschaft.

Die rein tatsächliche Abgrenzung im Liegenschaftsrecht wurde vielfach aus wirtschaftlichen Motiven durchbrochen. Bauten, die auf fremdem Boden von einem Berechtigten mit eigenem Material errichtet werden, und andere feste Anlagen wurden nicht Bestandteil des Grundes, sondern bleiben als selbständige Liegenschaften im Eigentum des Erbauers. Das gleiche Haus konnte je nach seinem Zweck Nichtbestandteil, Zubehör oder Bestandteil sein, unter Umständen auch seine Eigenschaft wechseln. Oder die Eigenschaft war nur relativ, z.B. das Haus war Liegenschaft nur dem Grundherrn gegenüber, damit er es nicht als „Fall“ in Anspruch nehmen konnte. Vielfach waren stehende Früchte, da sie bestimmt waren, getrennt zu werden, fahrendes Gut. [2]

Bewegliche Sachen

Aus ähnlichen Gründen wurden auch bewegliche Sachen dem Liegenschaftsrecht unterworfen. So das Zubehör einer Liegenschaft, damit es dieser erhalten blieb, mit der zusammen es eine wirtschaftliche Einheit bildete. Mansus vestitus hieß die Hufe mit Wirtschafts-, Hausgerät und Wirtschaftsvieh, mhd. urhap das notwendige Inventar. Auch dieses war oft nur relativ unbeweglich. Ähnlich Waffen und Kostbarkeiten.

Andere Sachen wurden zum Teil Rechtssätzen unterworfen, die sonst nur dem Liegenschaftsrecht angehörten, weil sie wie diese einen selbständigen Herrschaftsbereich, eine „Gewere", für sich bildeten (s. Besitz), so z.B. Schiffe, Schiffsmühlen und Sachinbegriffe. Aus dem gleichen Grunde wurden als unbewegliche Sachen auch Rechte, also unkörperliche Gegenstände, behandelt, wenn sie sich in einer Gewere verkörperten (s. Besitz).

Nutzung und Übertragung

Liegenschaften konnte man im Gegensatz zur Fahrnissache (bewegliches Eigentum) nicht verbrauchen, zerstören oder wesentlich verändern, zur Zeit der Germanen nicht einmal veräußern; und auch im Mittelalter war die Verfügung darüber vielfach beschränkt. Ihr Hauptwert bestand also in der Nutzung. Darin äußerte sich die Gewere (Besitzrecht), nicht im bloßen Haben (mnd. brúkende und hebbende gewere, mhd. nuzliche g.). "Gebrauchen" konnte man ein Grundstück jedoch auch, indem man die unmittelbare Nutzung einem anderen überließ und selbst als Verpächter oder Verleiher einen Zins, Abgaben aus dem Grundstück oder persönliche Leistungen des Inhabers, z.B. des Lehnsmannes, entgegennahm.

Aus der Zinsgewere ergab sich die Möglichkeit mehrfacher Gewere. Denn auch der unmittelbare Besitzer hatte eine Gewere daran (mnd. ledeclike gewere), wenn er ein selbständiges Recht zum Besitz hatte. Der Verwalter allerdings hatte ebensowenig Recht an einer Liegenschaft wie der Knecht, der des Herren Pferd ausritt, oder sonstige Hausuntergebene, die der Herr „mit Tür und Tor beschließt".

Quellen

Einzelnachweise

  1. Karl Ernst Georges: Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch. Hannover und Leipzig 71910 (Nachdruck Darmstadt 1999), Sp. 1608.
  2. Hoops, RdgA. aaO. Bd. IV, S. 59 (Artikel Sachen, § 6 f.)
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