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Das Nibelungenlied bzw. der Nibelunge Not (Nibelungen, das Volk am Mittelrhein), auch bekannt als Burgundensage oder Burgundenuntergang ist die größte Dichtung aus der Zeit des sog. Minnesangs, ein mittelhochdeutsches Epos, in welches altnordische Mythen mit einflossen.

Beschreibung

Die Bedeutung der ursprünglichen nordischen Mythen, die im Nibelungenlied anklingen, war den christlichen Germanen verloren gegangen, daher wurden sie in Heldensagen umgestaltet. Erinnerungen aus den Zeiten der Völkerwanderung, die Kämpfe und Gräuel zur Zeit der Merowinger wurden so zu einem einheitlichen Ganzen verwoben.

Die Sitten, Lebensgewohnheiten, Einrichtungen etc., die geschildert werden, sowie die Sprache beweisen, dass der Dichter, der den alten Sagen die Fassung des Nibelungenliedes gab, um das Ende des 12. Jh. lebte.

Personen

Name Kurzbeschreibung
Alberich Zwerg. Dienstmann der Könige Schilbung und Nibelung. Wird von Siegfried besiegt und als Kämmerer des Nibelungenhortes eingesetzt.
Attila König der Hunnen zur Völkerwanderungszeit († 453).
Brünhild Walküre. Königin von Island, später Gundahars Frau.
Dankrat Gibica. Vater von König Gunther.
Dietrich von Bern Einer der Haupthelden der deutschen Sage aus dem Geschlecht der Amelungen.
Fafnir Ein Drache. Ursprünglicher Wächter des Nibelungehortes.
Gernot von Worms Godomaris. Bruder von König Gunther.
Giselher von Worms Gislaharius. Bruder von König Gunther.
Gunther von Worms Gundahar, König von Burgund.
Hagen von Tronje Gefolgsmanns Gundahars
Kriemhild Grimhild. Siegfrieds Frau, Schwester von Gundahar.
Rüdiger von Bechelaren Markgraf. Dienstmann Attilas.
Siegfried der Drachentöter Entspricht dem nordischen Sigurd, Gestalt verschiedener germanischer Sagenkreise.
Volker von Alzey Spielmann und Ritter König Gunthers.

Motive

Die Dichtung vom Burgundenuntergang bzw. der Nibelunge Not weist zwei im Hauptmotiv verschiedene Formen auf - der einzige Fall dieser Art in germanischen Heldensagen.

  • Einerseits eine Bruderrache (nordische Sagenform): die Schwester der Burgundenkönige rächt ihre Brüder an ihrem Gatten Attila.
  • Anderseits eine Gattenrache (oberdeutsche Sagenform): die Heldin rächt ihren ersten Mann, Siegfried, an ihren Brüdern.

Die erste, die sog. nordische Sagenform, liegt vor in der Edda, namentlich in der Atlakvida, dem bei weitem altertümlichsten Denkmal dieser Sage. Sie ist die ältere Sage. Die zweite, die sog. oberdeutsche Sagenform, bildet das Schlussstück des Nibelungenepos und erscheint, z.T. ursprünglicher, aber auch getrübt, in der Thidrekssaga, die dem Inhalt eines älteren baiuwarischen Heldenepos einige niederdeutsche Motive zugesellt.

Hintergrund

Über die Zahl der historischen Fakta im Nibelungenlied ist man sich nicht einig. Wahrscheinlich ist, dass zwei unabhängige Ereignisse zusammentraten: die Vernichtung des Burgundenkönigs Gundiharius (Gundahar) durch die Hunnen im Jahre 436/437 und Attilas Tod an der Seite seiner Frau Hildiko im Jahre 453. Die Dichtung rückte die beiden Vorfälle zeitlich aneinander und verknüpfte sie ursächlich: Hildiko wird als Kriemhild zu König Gunthers Schwester und Attilas Mörderin, sie rächt an Attila den Fall der Burgunden. Den furchtbaren Hunnenkönig zog man in die Katastrophe von 437 herein, aus dem strategischen Überfall wurde die verräterische Einladung an den Hof des Schwagers.

Bei alledem blieb die Sage geschichtstreuer als irgendeine ihrer Schwestern! - Neben Gunther ließ man zwei seiner Brüder spielen, Giselher (Gislaharius) und Gernot (Godomaris), die nach ihrer Nennung in der Lex Burgundionum (vor 516) als geschichtliche Gestalten gelten dürfen (der ebenda erwähnte Gibica wurde als bloßer Vatername übernommen). Giselher (Gislahari) erhielt die zweite burgundische Hauptrolle, Gernot (Godomar) mag nur nebenher aufgeführt worden sein. Diese in keiner Chronik genannten Gestalten können nicht erst später in die Dichtung gekommen sein. Auch der Name der Burgunden ist altes Sagengut [1]), genau wie Worms.

Aufsteigender Teil

Das beherrschende Motiv des aufsteigenden Teiles ist das Hortgeheimnis: Die Brüder verbergen ihren Hort, wonach Attila giert, im Rhein und schwören sich seine Geheimhaltung. Der gefesselte Gunther überliefert erst seinen Bruder und dann sich selbst dem Martertod, weil er es heldentrotzig verschmäht, den Schatz als Lösegeld zu verraten. Der Goldreichtum des Mittelrheines weckte wohl die Vorstellung: hier liegt ein Königshort versenkt. An diesen ortsgebundenen Zug konnte die weitere Erfindung anknüpfen: hier verbargen die Wormserkönige ihr Gold und erlitten um seinetwillen den Tod bei den goldgierigen Hunnen.

Gunther, der historische Träger der Katastrophe von 437, ist in der Atlakvidha noch der unbedingte Protagonist, so auch der Sprecher jener Trutzreden, in denen das Hortmotiv zu grandioser Entfaltung kommt; er ist der letzte Burgunde, die Vordergrundsfigur, während der Bruder hinter der Bühne seine Heldenseele aushaucht. Gunthers Ende im Schlangenhof und sein Harfenspiel als letzte Probe der Todesverachtung zeigt allerdings fremdartig wirkende Züge.

Absteigender Teil

Der absteigende Teil der Sage erhielt neben den geschichtlichen Überlieferungen besonders diese zwei Motive:

  • 1. Die Heldin ermordet die zwei Knaben, die sie Attila geboren hat, Erpr und Eitill, und setzt ihre Herzen dem König zum Essen vor. So erzählt es die Atlakvidha (Z. 35-37) und ähnlich auch das Atlamál (Z. 77-81). Die grausige Vergeltung entspricht der unmenschlichen Todesart der Burgunderkönige. Dass mindestens ein Kern davon der ursprünglichen Burgundensage angehört, folgt aus der Thidrekssaga (c. 379), wo Grimhild die Köpfung ihres Söhnchens durch Hagen veranlasst. Das Nibelungenlied schwächte dies ab. Möglicherweise wirkten auch die Motive von Atreus-Thyestes oder Tereus-Prokne aus der griechischenn Mythologie mit ein. Der Name Erpr ist historisch belegt, aber den Fall des Attilasohnes Ellac in der Feldschlacht spiegelt die Dichtung wohl nicht wieder.
  • 2. Nachdem Grimhild Attila auf seinem Lager erstochen hat, lässt sie sich selbst und das Kriegergefolge in den Flammen umkommen. Die Atlakvidha ist noch auf dieses heroische Selbstgericht der Heldin angelegt, das hier die gleiche innere Notwendigkeit hat wie bei Signy in der Völsungensage; aber seit der Anfügung der Svanhildsage musste man die Königin am Leben lassen.

Entstehung

Die Schöpfung der Burgundensage ist offenbar den Franken zuzuschreiben, die im Jahre 437 die Nordnachbarn der Burgunden waren und bald darauf die Erben ihres mittelrheinischen Gebietes wurden. Der dichterische Prozess setzte wohl bald nach (oder gleich mit) 453 ein. Einzelnes kann noch viel später angefügt worden sein. Die burgundisch-fränkischen Händel unter Chlodwig und seinen Söhnen, in den Jahren 493 und 523-34, spielen wohl nicht mit hinein. Ob die Burgundensage nach einem älteren Heldenstoff modelliert wurde, inbesondere nach der Signysage (s. Völsungar), bleibt offen.

Nordische Sagenform

Brünhildsage

Die fränkischen Dichter ketteten die Burgundensage an die Brünhildsage, und zwar durch drei Gelenke:

  • 1. Den schicksalshaften Hort der Burgundensage setzte man gleich dem berühmten Nibelungenhort Siegfrieds. Das läge besonders nahe, wenn das Rheingoldmotiv auch der Siegfriedsdichtung angehört hätte, doch weisen es die Zeugnisse nur der Burgundensage zu. Die einfache Folge von 1. war:
  • 2. die Erben von Siegfrieds Hort, seine Schwäger in der Brünhildsage und ihre Schwester wurden den Gibichungen der Burgundensage gleichgesetzt.
  • 3. Hagen, eine Gestalt der (veränderten) Brünhildsage, erhielt die zweite burgundische Hauptrolle, die des vorletzten Burgunden, die früher dem Gislahari zufiel. Entsprechend den zwei alten Formen der Brünhildsage gab es nun auch zwei Spielarten der Burgundensage:
    • In der einen (später nordischen) war Hagen der Bruder Gunthers, und zwar der einzige, weil er Gislahari einfach ersetzte, Godomar aber schon in der Brünhildsage mit Tod abging.
    • In der anderen (später oberdeutschen) war Hagen der Vassall, die zwei Brüder Gunthers wurden zunächst nur als Statisten weitergeführt. Diese zweite Spielart wich von der Urform weiter ab, weil die Ersetzung des Bruderverhältnisses durch die Dienstmannschaft einen merklich neuen Klang hereinbrachte.

Die Handlung der beiden großen Liedstoffe, Brünhild- und Burgundensage, blieb unabhängig. Wenn Attilas Frau in der nordischen Dichtung den Brüdern die Meuchelung Sigurds vergeben und vergessen hat, darf man sich nicht so sehr auf das empfangene Wergeld berufen oder auf 'Blut ist dicker als Wasser': der wahre Grund ist die vis inertiae (dt. Kraft der Trägheit), die den Gang der Burgundensage in dem alteingefahrenen Gleis festhielt.

Atlakvidha

Eine nachweisbare Neuerung im Sagenbild der Atlakvidha ist nur der Name Gudrun: Grím-hild wird durch die historische Hildiko (Attilas Frau) gestützt. Eine Theorie ist, dass die Frau Siegfrieds in der ursprünglichen Brünhildsage *Gunþi- oder *Goðarúnu hieß. Dann wäre jene Neuerung auch schon fränkisch. Aus der sonstigen ältesten Überlieferung des Nordens kommt herzu: die Umformung von Goð-mar zu Goð-þorm, Guttorm; die Angliederung der Brynhild als Schwester Atlis.

Oberdeutsche Sagenform

Die Entstehung der jüngeren, oberdeutschen Sagenform erklärt sich als Anpassung der fränkischen Burgundensage an die baiuwarische Heldendichtung, die Dietrichsage. Diese hielt das ostgotische Bild des väterlich milden Attila fest. Damit war sein fränkisches Porträt in der Burgundensage, der habgierige und grausame Verräter, nicht zu vereinen. Die baiuwarischen Dichter konnten das fränkische Lied nur dadurch bei ihren Landsleuten einbürgern, dass sie - mit bewusster, planmäßiger Umdichtung - Etzel entlasteten, somit seine Verräterrolle auf Grimhild übertrugen.

Die Gier nach dem Königshort, die nun auf Grimhild überging, genügte aber als Grund ihres Brudermordes nicht. Daher zog man die Folgerung aus der Brünhildsage und machte die Rache für Siegfried zum Haupthebel. Kriemhild wurde zur Rächerin ihres Gatten, die Ermordung Etzels fiel dahin (vom Knabenmord ein umgedeuteter Rest); aus dem Selbstmord der Heldin wurde ihre Hinrichtung durch Dietrich von Bern; das heroische Schlussbild des allestilgenden, sühnenden Saalbrandes rückte nach vorn, er wurde zu einer Waffe gegen die Burgunden.

Neugestaltung

Die Dichtung verlor damit ihren zweiten, absteigenden Teil, wuchs jedoch mit der Brünhildsage so eng zusammen, dass deren Abschluss, Siegfrieds Tod, zum entscheidenden Wendepunkt in der neuen Doppelsage wurde.

Diese Neugestaltung erfolgte wahrscheinlich im 8. Jhd. zusammen mit der Ankunft des literarischen Stoffes im Donauland. Mit dieser Wanderung hängt auch die Entstellung von Grimhild zu Chriemhild zusammen (vgl. Kudrunsage). Die gotisch-baiuwarische Sage spendete aus ihrem reicheren Bild von Etzels Hofhalt mehrere Namen und Gestalten: Helche, Bloedel, Dietrich von Bern, vielleicht auch schon Hildebrand. Die Fülle der anderen Nebenrollen kam erst mit der breiten Literatur des 10. und 12. Jhds.; da gewannen auch Giselher und Gernot (für Gotmar) eine reichere Ausgestaltung.

Eine der Neuerungen, die nicht auf dem Einwirken der Dietrichsage beruhen, ist die Vertauschung der beiden burgundischen Heldenrollen: auch in der sonst so treu bewahrten Schlußszene wurde Gunther zur Hintergrundsfigur; der 'letzte Burgunde' mit seiner Trutzrede war nun Hagen von Tronje, der als Mörder Siegfrieds zum Protagonisten der Doppelsage emporwuchs.

Einfluss auf Gudrunlied und Thidrekssaga

Die oberdeutsche Burgundensage färbte wiederum auf das dritte Gudrunlied ab, die Gudhrunarkvidha in Thridhja aus der Lieder-Edda, wahrscheinlich aus dem 11. Jhd., wo Thiodrek neben Gudrun an Atlis Hofe erscheint. Sie erklingt im Munde eines sächsischen Mimus im Jahre 1131 in Dänemark [2], im 13. Jhd. in einer dänischen und faeröischen Ballade und liegt der breiten Darstellung der Thidrekssaga zugrunde.

Niederdeutscher Einfluss

In die oberdeutsche Sagenform mengen sich aber auch einzelne niederdeutsche Motive: die Lokalisierung in Soest, die Gestalt Osids (?), vor allem aber der völlig abweichende Schluss: Hagen erzeugte sterbend einen Rächer, Aldrian; dieser lockt den hortgierigen Attila in die Felshöhle zum Nibelungenschatz und lässt ihn dort verhungern. Dieser Ausgang widerstreitet dem Bild des milden, oberdeutschen Attila, das in der Haupterzählung fast ohne Schwanken festgehalten ist.

Augenscheinlich formte hier der Einfluss von niederdeutschen Sagen, die Rache an Attila am Ende der älteren Burgundensage neu. Dass ursprünglich Hagen mit seiner Schwester Grimhild den Rächer zeugte (vgl. Signy) ist keine notwendige Annahme. Auch die Herleitung Aldrians aus dem Hunnensieger Ardaricus (Aldaricus) scheint bedenklich. Die Thidrekssaga hängte nun jenen niederdeutschen Schluss an ihre oberdeutsche Nibelungenot an. Die faeröische Ballade und die Hvenische Chronik fabeln, dass Grimhild neben oder statt Attilas im Berg ausgehungert wurde. Allerdings sind die jüngere Vermischungen.

Von jener niederdeutschen Attiladichtung hallt etwas in der Klage nach. Auch der Dichter der Atlamál hatte vom rächenden Sohn Hagens läuten hören und zog ihn in seinen Bericht herein (Str. 88 ff.). Außerdem scheint dieser Grönländer jüngere Anleihen aus deutscher Dichtung zu haben, besonders die Wasserfahrt der Gibichungen (Str. 37). Dieses Motiv gehörte wohl der fränkischen Sage an und ging in der älteren nordischen Dichtung verloren. War es fränkisch, dann war das Wasser der Rhein. Die Thidrekssaga (c. 363) lässt den altfränkischen Rhein dann mit der baiuwarischen Donau zusammenrinnen: auch hier findet sich eine Vermischung der beiden Sagenquellen.

Galerie

Quellen

Literatur

Einzelnachweise

  1. Siehe: Atlakvidha 18, Widsith 65, Waldere B 14, mhd. Epen
  2. lat. notissima Grimildae erga fratres perfidia
  3. Hohenems-Münchener Handschrift A, Original in der Bayerischen Staatsbibliothek (Cgm 34). Bedeutungsvoll hier ist die Verwendung der Abkürzung γ für sprach.
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