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Rein zeitlich kann man die Philosophie des Mittelalters als jenes philosophische Denken des Abendlandes festlegen, das den Raum ausfüllt zwischen dem Ausgang der Antike mit dem Ende des Weströmischen Reiches (476), und dem Anbruch der Neuzeit nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) oder mit dem Beginn der Reformation (1517).

Begriff

Man nennt die mittelalterliche Philosophie häufig auch "scholastische Philosophie". Die eigentliche Scholastik beginnt jedoch erst mit dem 9. Jahrhundert; was vorher geschieht, ist die Zeit der allmählichen Wegbereitung der scholastischen Philosophie durch das Denken der Kirchenväter. Die Philosophie des Mittelalters teilt sich daher in die beiden großen Abschnitte 1.) die Philosophie der Patristik und 2.) die Philosophie der Scholastik.

Beschreibung

Die mittelalterliche Philosophie wird charakterisiert durch jenes philoso­phische Denken des Abendlandes, das seit Augustinus, besonders aber seit Anselm von Canter­bury dem Motto gehorcht: "Wisse, um glauben, glau­be, um wissen zu können." [1]. Es besagt die Einheit und gegenseitige Förderung von Wissen und Glauben; aber zu­gleich auch, daß die christlichen Denker die Philoso­phie nicht verwerfen, sondern pflegen und sie für sich zu reklamieren wollen. "Wir wollen nicht nur in der Autorität der Heiligen Schrift reden", sagt Augustinus von Hippo (De civitate Dei XIX, 1), sondern auch aufgrund der allgemeinen menschlichen Vernunft (ratio), "um der Ungläubigen willen".

Die Philosophie verbindet sich im Mittelalter mit dem reli­giösen Glauben, eine Erscheinung, die in diesem Zeitraum auch für die arabische und jüdische Philosophie bezeichnend ist. Die Verbin­dung von Glauben und Wissen im Denken des mittel­alterlichen christlichen Menschen versteht sich unter der Voraussetzung einer ideologischen Einheit. Auf ihr ruht der Geist dieser ganzen Epoche. Wie sonst in keiner Periode der abendländischen Geistes­geschichte lebt hier eine ganze Welt in der Sicherheit über das Dasein Gottes, über die Herkunft und Ordnung der Welt, über das Wesen des Menschen und seine Stellung im Kosmos und den Sinn seines Le­bens. Während die Neu­zeit fragt, wie Ordnung und Gesetz möglich sind und zustande kommen könnten, ist im Mittelalter die Ordnung etwas Selbstverständliches und die Aufgabe ist nur, diese Ordnung zu erkennen. Es war die christliche Religion, die diese Einheit schuf. Die Philosophie stand auf dem Boden des Glaubens. Vielfach diente das philosophische Denken dem Glaubens­gut, indem des ihn begründe, verteidigte und wissenschaftlich analysierte.

"Die Philosophie eine Magd der Theologie", sagte der Benediktinermönch und Bischof Petrus Damiani (1006-1072) über den Charakter dieser Epoche. Trotzdem war für den mittelalterlichen Menschen das Denken und Forschen prinzipiell frei. So entschied Papst Innozenz III. in der Frage, ob ein Gläubiger, der aufgrund besserer Sachkenntnis dem Befehl eines Oberen nicht zustimmte, zu maßregeln sei, für die persönliche Überzeu­gung und ihre Freiheit: "Alles, was nicht aus Über­zeugung geschieht, ist Sünde (Rom, 14. 23); und was gegen das Gewissen geschieht, erbaut zur Hölle. Gegen Gott darf man nicht dem Richter gehorchen, sondern muß lieber die Exkommunikation über sich ergehen lassen.« Die Entscheidung des Papstes wurde in das Kirchliche Gesetzbuch aufgenommen [2]. Demgemäß lehrte auch Thomas von Aquin und eine Reihe an­derer Scholastiker, daß ein auf irrtümliche Voraussetzungen hin Exkommunizierter lieber im Bann sterben muß, als einer nach seiner Sachkenntnis verfehlten Weisung des Vorgesetzten zu gehorchen, »denn das wäre gegen die persönliche Wahrhaftigkeit« (contra veritatem vitae), die man auch nicht um eines möglichen Ärgernisses willen preisgeben dürfe.

Wenn aber der mittelalterli­che Mensch von seiner Freiheit keinen sehr großen Gebrauch machte und den damaligen Weltanschauungen und der öf­fentlichen Meinung folgte, so nicht deswegen, weil er sich dabei einem äußeren Zwang beugte, son­dern weil er selbst in weltanschaulichen und religiösen Bindungen befangen bzw. gefangen war. Trotzdem war die Freiheit im Denken auch im Mittelalter ein Ideal und sollte um der Wahrheit willen an­gestrebt werden. Auch die mittelalterlichen Philosophen woll­ten alle Selbsttäuschungen überwinden und zur objek­tiven Wahrheit vorstoßen.

Bedeutung

Die mittelalterliche Philosophie bildet die Brücke von der Antike zur Neuzeit. Es hat nicht nur die alten Codices abgeschrieben und damit Wissen und Kunst der Antike aufbewahrt, es hat in seinen Schulen auch die Kontinuität der philoso­phischen Problematik aufrechterhalten. Die grund­legende Thematik, z.B. um die Substanz, die Realität, Universalität und Indivi­dualität, Sinnlichkeit und Erscheinungswelt, Verstand und Vernunft, Seele und Geist, Welt und Gott, tauchte nicht erst im Humanismus und der Renaissance wie­der auf, sondern wurde den neuzeitlichen Philosophen vom Mittelalter her übergeben.

Und schließlich ist das Mittelalter in vieler Hin­sicht vorbildlich: Formal durch die logische Schärfe und Stringenz seiner Gedankenführung und den ob­jektiven Charakter seiner Wissenschaftsauffassung, bei der die Person immer zurücktritt hinter die Sache; material durch seinen gesunden Menschenverstand, der es vor Extravaganzen bewahrt und es eine Linie einhalten läßt, die sich auf Jahrhunderte hinaus be­währte. Nicht nur die Lehre vom Naturrecht erlebt eine "ewige Wiederkehr", auch seine Philosopheme über die Substanz, die Realität, die Seele, die Wahr­heit, die Menschenrechte, das Wesen des Staates usw. enthalten einen unverlierbaren Wert, so daß man den Grundgehalt des mittelalterlichen Denkens mit Recht als Philosophia perennis bezeichnen kann.

  • Für die einzelnen Entwicklungsstufen der mittelalterlichen Philosophie siehe den Artikel über: die Philosophiegeschichte.

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Quellen

Einzelnachweise

  1. Augustinus, Sermo 43, c. 7, n. 9. PL 38, 258
  2. Corp. iur. can. II 286 s. Richter-Friedberg
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