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Der Speer (tlw. synonym verwendet mit Spieß bzw. Lanze) ist eine der ältesten Angriffswaffen der Menschheit. Mitunter auch als Wurfspieß bezeichnet, gehören Speere zu den Stangenwaffen, die - als Abgrenzung zu Spießen (als Stoßspeere) - bevorzugt als Wurfwaffe eingesetzt werden können und daher kürzer und leichter sind.

Beschreibung

Der Speer (engl. spear, ital. lancia) ist symbolisch das Zeichen der Macht, aus dem das Szepter hervorging, und auch die Bezeichnung des Mannes als Krieger. Am Beginn des Mittelalters erscheint er bei allen europäischen Völkern als dünnschäftige Stoßwaffe mit langer und schmaler Stoßklinge.

Reiter wie Fußkrieger gebrauchen ihn in zwei gleichen Formen, die sich nur durch die Länge des Schaftes unterscheiden: als Spieß mit einer Schaftlänge von 3,5 bis 4 m und als Wurfspieß (Ger, Pilum) mit einer Schaftlänge von 2 bis 2,4 m.

Arten

Man kann allgemein in Stoßspeere (Spieß) und Wurfspeere (bzw. Wurfspieße) unterscheiden, wobei die einzelnen Bezeichnungen teilweise durchaus auch synonym gebraucht werden. Schwerer Metallbeschlag oder eine große Länge und Gewicht sind dabei eher für die Verwendung als Stoßwaffe geeignet; während die entgegengesetzten Eigenschaften die Nutzung als Wurfwaffe gestatten. Unterarten sind u.a. [1]:

Name Kurzbeschreibung
Spieß (Synonym) Als Stoßspeer mit einer Schaftlänge von 3,5 bis 4 m.
Lanze (Synonym) Eigentlich der Spieß des Reiters mit einer Länge von 2 bis 3,5 Metern.
Reiterspieß (Synonym) Synonym zur Lanze.
Agligak Grönländischer Wurfspieß
Ango Germanischer Wurfspieß mit extrem langer Tülle und Widerhaken, Gesamtlänge 2-3 Meter (5./6. Jh.)
Assegai, Assagai Afrikanischer leichter Wurfspeer.
Cateja Gallischer Wurfspieß, der mittels Riemen geschleudert wurde.
Dard (Tardaeisen) Leichter Wurfspieß mit befiedertem Schaft (8.-17. Jh.)
Djerid, Dscherid (Dschirid) Arabischer Wurfspieß für Reiterkampfspiele.
Falarica Römischer Wurfspieß, der mit Maschinen geschleudert wurde.
Fischspeer Als Zweizack, Dreizack, Vielzack.
Framea Germanischer Wurf- und Nahkampfspieß mit blattförmigem Spießeisen, Gesamtlänge 2-3 Meter (1-6. Jh.).
Ger Germanischer Wurfspieß um 600.
Hasta Bei den Römern eigentlich jede Art Speer, aber besonders eine lange Lanze (Quiris)
Javelin Wurfspieß, , dessen Gebrauch ins Frühmittelalter zurückreicht.
Lancea Spätrömischer leichter Wurfspeer der Hilfstruppen (auxiliares).
Mataris Gallischer Wurfspieß.
Pilum Römischer Wurfspieß.
Schefflin Wurfspieß der Landsknechte mit hohler Eisenklinge (15./16. Jh.), vgl. Javelin.
Spiculum Römischer Soldatenspeer der Spätantike.
Turnierspeer Spätmittelalterlicher Wurfspeer, ähnlich dem Pilum (13.-Anfang 17. Jh.)
Vericulum, Verutum 1-1,2 m langer Speer der leichtbewaffneten Truppen.

Die verschiedenen Arten des Speeres sind in den historischen Quellen unter so zahlreichen Benennungen vorhanden, dass die sogenannte „Speerfrage” bis heute noch verwickelt geblieben ist. Unter den antiken Speerwaffen finden sich Bezeichnungen, wie Hasta, Jaculum, Inculatum, oder Trajula, die durchaus mehrere Formen bezeichnen und nicht endgültig festgestellt können.

Hilfsmittel

Zur Erhöhung der Durchschlagskraft und zur Vergrößerung der Anfangsgeschwindigkeit des Wurfspeeres nahmen viele Völker Schleudervorrichtungen zu Hilfe, wie z.B. Wurfbretter (Wurfhölzer) oder Wurfschlingen (Rollriemen).

Entwicklung

Die Urform der Speere bzw. Spieße ist der einfach zugespitzte, eventuell auch am vorderen Ende im Feuer gehärtete Stab. Die Weiterbildung zum Spieß mit abnehmbarer Klinge erfolgte durch härtere Holzarten, zugespitzte Tierknochen und geeigneter Tierhörner und besonders verbreitet durch Anfügung speziell gearbeiteter Steinklingen (s. Steinzeit).

Ein bedeutender Fortschritt erfolgte dann in den folgenden Metallzeiten durch das Anfügen von Metallspitzen aus Kupfer, dann Bronze und Eisen. Die letzten Weiterbildungen des Speers betreffen die Zahl und die raffiniertere Ausgestaltung der Klingen oder die Anbringung von Widerhaken (z.B. aus Haifischzähnen). Vorwiegend zu Jagd- und Fischereizwecken dienen die Speere mit mehreren Spitzen (z.B. Zweizack, Dreizack, usw. bis hin zur Harpune). Die Hebräer nannten einen bedeutenden Speermann ‚Methusalem‘.

Germanische Eisenzeit

Der Speer diente bei den Germanen zum Stoß (als Spieß) und Wurf (Wurfspeer) und bestand aus einer Holzstange, zuerst ohne Klinge, dann mit 30-40 cm langer, breiter, zweischneidiger Eisenspitze. Auf der Antonius- oder Mark-Aurel-Säule in Rom (ca. 172 n. Chr.) ist eine Germane abgebildet, dessen geschleuderter Wurfspieß (Ger oder Framea) mit dreieckigem, sehr spitzem Eisen ohne Widerhaken beschlagen ist.

Unter den Galliern findet sich neben dem Bogen eine Art von Wurfspießen („Mataris"), welche aus freier Hand geworfen wurden, nebenher eine andere, „Cateja", die mittels Riemen geschleudert wurde.

Völkerwanderungszeit

Unter den vielen Speerformen mit verschiedenen Namen erscheinen zwei Wurfspieße, welche in den meisten Ländern des Nordens verbreitet waren: Der Ango und die Framea. Der Ango - ein kleiner, schmaler Spieß mit fast meterlanger, dünner Dille - scheint zuerst in Britannien und an den Küsten des Stillen Ozeans, aus römischen Vorbildern erwachsen, in Aufnahme gekommen zu sein. Die Freien unter den Germanen trugen die Framea, einen mit blattförmigem Spießeisen versehenen Wurfspieß, der nicht selten auch für den Nahkampf diente.

Es ist bezeichnend, dass auch der Wurfspieß der Reiter und sein Gebrauch auf orientalischen Ursprung zurückweist. Wenn wir z. B. die Schilderung des Prokop von Caesarea über die Schlacht bei Busta Gallorum im Jahre 552 lesen, bei welcher Totilas, der König der Goten, dem Feinde seine Künste im Spießwerfen zeigte, so weist dies auf speziell orientalische Kriegsübungen, die sich bei den Arabern und Indern noch bis ans Ende des 19. Jhs. erhielten.

Berühmt als sichere Speerwerfer waren gemäß Gregor von Tours [2] die langobardischen Reiter, ebenso war der Wurfspieß oder Wurfspeer (besonders der Ango) eine gefürchtete Waffe der Franken im 5. und 6. Jh.; nicht minder wird davon berichtet, dass die Goten und Vandalen in dieser Wurfwaffe sehr geübt waren.

Frühmittelalter

Um 600 n. Chr. wurde der Wurfspeer Ger genannt und war auch Waffe der Reiter. Die langobardischen Reiter waren berühmte Gerwerfer, und das 841 bei Fontenay veranstaltete Speerrennen war der Ursprung der Hastiludien. [3] Die Javelin, Ango und Pilum genannten Wurfspieße der Antike und auch die Framea verschwinden in der Ausrüstung der europäischen Völker am Ende des 7. Jhs., bei den Böhmen allein ausgenommen.

Vom Anfang des 8. Jhs. ab zeigen sich die Wurfwaffen immer mit spitzem Eisen und verlängertem Schaft als Speer (vom lat. lancea, der spätrömischen Wurfwaffe, vgl. franz. lancer = 'schleudern'), welche sowohl zum Stoß, als auch zum Wurf dienten). Im 8. Jh. begegnen wir einer weiteren Wurfspießgattung, dem Dard, einer leichten Variante mit befiedertem Schaft. Vom 8. bis 13. Jh. behielt der Speer nahezu dieselbe Form; es war ein einfacher, 3½ m langer Schaft aus glattem zylinderförmigen Holz, bewehrt mit einer Eisenspitze mit Dille.

Im 10. Jh. ändern sich die Spieß- und Speerformen folglich wenig und vielleicht nur dadurch, dass sie nun um etwas stärker in Eisen und Schaft werden (Bild). Ein literarisches Zeugnis für den Gebrauch des Wurfspeeres aus dem 10. Jh. ist z.B. das Waltharilied, in dem Kimo seine Speere vergeblich nach Walthari schleudert, dieser dagegen dem mit dem Schwerte angreifenden Werinhard den Speer in den Rücken stößt. Im Mittelalter kommt auch die Benennung „Harnischahl“ für Speer vor.

Die Speere des 10. und 11. Jhs. kennzeichnen sich auch durch den unterhalb der Dillenspitze angebrachten Wimpel. So stellen z.B. auch der Teppich von Bayeux aus dem 11. Jh., so wie mehrere Miniaturen derselben Zeit den Speer mit Wimpeln (franz. banderole) dar.

Hochmittelalter

Speer mit Wimpel, kriegswaffen00demmin p0778, Fig.004

Normannischer Speer mit Wimpel (11. Jh.)

Im 11. Jh. treten bei den Normannen wie bei den Sachsen dann neue Spießeisenformen auf; es erscheint die lange, lanzettförmige Spießklinge mit Knebel und erheblich stärkerem Schaft, desweiteren die bärtige Spießklinge, letztere im Teppich von Bayeux in großer Anzahl, daneben aber auch die alten Formen.

Die Verzierung der dünnen Speerschäfte ist schon an Funden wahrnehmbar, die dem 8. Jh. angehören. Die Technik ist der orientalischen sehr verwandt und besteht meist in einem dünnen Belage von Silber oder einer dichten Besetzung mit Silberstiften. Vom 11. Jh. an kommt diese Technik allgemach in Abnahme (Bild).

Darauf dass bei den Normannen sowohl der Speer als auch das Schwert Waffen der freigeborenen Männer waren, verweist eine Passage in den Gesetzen Wilhelm des Eroberers (1066-1087) hinsichtlich der Freiwerdung eines Leibeigenen, die besagt: „Tradidit illi arma libera, scilicet lanceam et gladium.“

Um die Mitte des 12. Jhs., in jener Epoche, in welcher die Erfahrungen aus den Kreuzzügen greifbare Gestalt angenommen hatten, veränderte sich die Form der Stangenwaffen und damit auch die Art ihres Gebrauches. Damit verschwand auch der Wurfspieß (z.B. der Ger) allmählich aus den Heeren der Deutschen und Franzosen, nur die Italiener, von Natur aus anstellig und handgewandter, führten ihn noch häufig und nicht ohne Erfolg. Allerdings wird Siegfried im Nibelungenlied aus dem 12. Jh. noch durch das Werfens eines Speers ermordet.

Spätmittelalter

Ins 13. Jh. geht die Erscheinung des Turnierspeeres zurück, der jedoch bald auch im Kriege benutzt wurde. Er hatte einen Griff, ähnlich dem römischen Pilum, war oben und unten spitz und verdickte sich unmittelbar an der Stelle, wo dieser Griff angebracht war. In Frankreich wurde der Speer unter der Regierung Heinrichs IV., im Jahre 1605 abgeschafft.

15. Jahrhundert

Aus dem 15. Jh. ist neben dem Wurfspieß (Ostip) auch ein geworfener Hellebardenspeer (Oscèpy oder Oscp) als Bewaffnung der böhmischen Hussiten überliefert. In den älteren Landsknechtheeren wurde der Schefflin als leichter Wurfspieß mit hohl gebildetem Spießeisen geführt.

Renaissance

Die Orientalen wendeten von der ältesten Zeit an der Form wie der Auszierung des Spießes das peinlichste Augenmerk zu. Nicht nur die Lanze selbst wurde vom Waffenschmied reich mit Ornamenten in Tausia, Niello und Vergoldung ausgestattet, der Besitzer selber behängte sie auch mit Geflechten und Quasten aus Yakwolle und Seide. Besonders liebte man Wurfspieße, „djerid" ähnlich auszustatten.

Kaiser Karl V. in Mühlberg, by Titian 1548

Kaiser Karl V. nach der Schlacht bei Mühlberg (Tizian, 1548)

Im 16. Jahrhundert führten die höchsten Personen als Zeichen der Würde einen leichten Spieß mit kurzem, dünnen Schaft in der Form der Wurfspieße. Mit diesem erscheint auch Kaiser Karl V. (1519-1556) in dem bekannten Gemälde von Tizian, welches in der Galerie des Museo del Prado in Madrid ausgestellt ist.

Solche leichten Wurfspieße wurden von den Herren meist auf der Jagd, sonst bei festlichen Anlässen, selten aber im vollen Harnisch geführt. Auch Karl V. erscheint auf dem erwähnten Gemälde von 1548 nur im halben Harnisch. Im Jahre 1605 wurde unter der Regierung Heinrichs IV. in Frankreich der auch für Kriegszwecke genutzte Turnierspeer abgeschafft.

Galerie

Quellen

Einzelnachweise

  1. Pierer's Universal-Lexikon, Band 16 (Zeno.Org). Altenburg 1863, S. 552.
  2. Gregor von Tours III. 10, V. 26, VII. 29 etc.
  3. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18 (Zeno.org). Leipzig 1909, S. 702-703.
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