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Spiralmuster gehören mit zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Motiven dieser Welt. Spiralen finden sie sich als Ornamentik bereits auf den Monumenten der neolithischen Megalithkulturen (ab ca. 4500 v. Chr.) in ganz Europa. Völker wie z.B. die Kelten haben es verfeinert und in andere Muster und ihre Kunst mit eingebaut. Bekannt sind vor allem die Spiralmotive im Hügelgrab von Newgrange am Brú na Bóinne (Irland).

Ornamentik

Spiralmuster, besonders die Doppelspirale, die im Mittelpunkt umwendet, erscheint als höchst merkwürdige und ausgeklügelte Erfindung, wenn man sie von außen nach innen konstruiert; um so einfacher aber, wenn man sie von innen nach außen dreht. Und so ist sie offenbar entstanden, und zwar zunächst als einfache Spirale.

Als solche ist sie schon ägyptischen Tongefäßen der vordynastischen Zeit (um 3000 v. Chr.) aufgemalt und findet sich in der späten Steinzeit auch auf der Balkanhalbinsel eingekratzt, aufgelegt und gemalt (z.B. auf den Bandkeramiken von Butmir in Bosnien, Cucuteni usw.).

Bandkeramik Spiralstil RdgA Bd1, Abb.031

Steinzeitliche Bandkeramiken von Butmir mit Spiralmuster

Auf Tongefäßen und Bronzearbeiten (s.a. Bronzegefäße) ist die Ornamentik nur sekundär: man muß immer nach dem Originalstoff suchen, auf dem und in dem das betreffende Ornament seiner Natur nach entstanden ist. Für die Spirale dachte man dabei an Bronzedraht, aber erstens fordert er doch nicht dazu heraus, ihn in engen Windungen zusammenzupressen, und zweitens ist die Spiralornamentik weit älter als die Verwendung von Bronze. Wie sie entstanden ist, zeigen jedoch möglicherweise die nordischen Halskragen und Gürtelplatten.

Schnurspiralen

Die Spirale entsteht am einfachsten, indem man eine Schnur (aus Hanf, Bast oder dick aus Stroh gedreht) mit dem einen Ende auf einer Ebene befestigt und dann den übrigen Teil um diesen Mittelpunkt herumdreht. In dieser Weise fertigte man, wie noch heute bei verschiedenen Urvölkern, so auch bereits im Altertum, häufig seine Schilde an, da sie durch diese Technik außerordentlich widerstandsfähig wurden.

Doppelspiral-Ornamentik, Breslau, RdgA Bd3, Abb.024

Doppelspiral-Ornamentik, Breslau

Dadurch ist die Schnurspirale wie kaum eine andere Technik geeignet, die einfachen Schutzdecken aus Stoff oder Leder zu verstärken. Man versuchte diese Stücke so dicht wie möglich mit Spiralschnüren zu bedecken, und man hatte es um so leichter, wenn man den Faden, der die Spirale liefern sollte, gleich doppelt nahm: die Öse der einen Seite ließ man den Mittelpunkt bilden und drehte das Übrige darum herum. Dass so die Doppelspirale naturgemäß entstanden ist, zeigen noch manche Goldschmucksachen der späteren Zeit (Abb. 24). [1]

Mehrfarbige Schnurspiralen

Daß die Spirale wahrscheinlich aus Schnüren, und zwar aus mehrfarbigen, entstanden ist, bekräftigt in besonderer Weise eine Gürtelplatte in Kopenhagen, bei der die Spiralen nicht aus zwei, sondern aus vier Linien dargestellt sind (Abb. 25): in die zwei Ösen, die die Doppelspirale in der Mitte bildet, ist je eine neue Schnur eingelegt, die dann, nach außen gelangt, nach verschiedenen Richtungen zum Rande abgeführt werden.

Gürtelplatte mit Doppelspirale, Kopenhagen, RdgA Bd3, Abb.025

Abb. 25: Gürtelplatte mit Doppelspirale, Kopenhagen

Der besseren Darstellung wegen ist in der Zeichnung die eine punktiert, die andere durchbrochen wiedergegeben, auf dem Kopenhagener Bronzeblech sind sie jedoch in ebenso durchlaufender Linie dargestellt wie die Hauptspirale.

Diese Verschlingung von vier Linien ergibt jedoch nur Sinn, wenn sie in verschiedener Darstellung, d.h.: in verschiedenen Farben gehalten sind, und das führt wiederum direkt zum Ursprung aus den Schnüren. Ähnliche dichte Schnurbenähung hat sich noch bis in die Moderne bei volkstümlichen Trachten vielfach erhalten, z.B. an der unteren Elbe im "Alten Land", wo die Jacken der Männer auch gerade an den Stellen, die am meisten auszuhalten haben, am Ende der Ärmel und an der Brustöffnung, so benäht sind.

Auf Tongefäßen

Auf Tongefäßen findet sich die Spirale in Nordeuropa gar nicht, nur auf einigen steinzeitlichen Bandkeramiken (5700-4100 v. Chr.) aus dem Donaukreis, gelangte sie dorthin (Rossen Kr. Merseburg, Diemarden b. Göttingen). Anderseits sind die Halskragen und Gürtelplatten, auf denen die Spirale häufig auftritt, eine ausschließliche Eigenheit des Nordens. Es fehlt somit ein Kulturträger, der die Spirale von Süden nach Norden oder von Norden nach Süden gebracht haben könnte, und Forscher nehmen deshalb an, daß sie da wie dort selbständig erfunden wurde, oder sich das Motiv z.B. über Handelswege verbreitete.

Arten

Triskele

Triskelion-Wheeled-basic

Triskele

Das heute wohl bekannteste Spiralmotiv der Kelten ist die Triskele. Ihre Ausgangsform erhält man, wenn man einen Kreis in drei gleich große Segmente von jeweils 120 Grad teilt. Eine dreilinige Spirale und ein Dreieck in der Mitte lassen ihre Bänder in diesen Segmenten jeweils in drei weitere Spiralen einrollen.

Doppelspirale

Doppelspirale Celtic Art p288

Verbundene Doppelspirale

Die Doppelspirale rollt sich auf der einen Seite ein und auf der anderen aus. Sie stellt die Dynamik von Werden und Vergehen dar, von Tod und Wiedergeburt, aber auch die Unsterblichkeit. Diese Form als Amulett getragen verhilft zu Gelassenheit, denn die Doppelspirale symbolisiert, dass sich jedes Problem auch wieder in die andere Richtung entwickelt.

Schlüssel- bzw. Labyrinthmuster

Eine verhältnismäßig spät auftauchende Mustervariante ist das ebenfalls typisch keltische Schlüsselornament, das hoch komplexe Labyrinthe hervorbringen kann. Es ist die Verbindung von Spirale und Linienmuster, die die Kelten zu einer ganz eigenen, unverwechselbaren Kreation kombiniert haben. Zwar verwendeten die Griechen schon davor Mäanderbänder, der keltische Touch entstand jedoch dadurch, dass die Kelten die viereckigen Spiralen nicht waagerecht anordneten, sondern um 45 Grad drehten und darüber hinaus die Enden mit Dreiecken verzierten.

Das Ergebnis sind Kunstwerke von beeindruckender, verwirrender Schönheit. Besonders das Labyrinth ist ein Symbol der menschlichen Suche nach dem innersten Wesen. Es findet sich daher auch in vielen Sakralbauten.

Weiterentwicklung der Spirale

Laufender Hund Ornamentik, RdgA Bd3, Taf.032, Abb.010

"Laufender Hund" mit hochgerichtetem Kopf

Eine Spirale in Schnüren auf Stoff zu nähen, ist einfach, sie aber in Bronze zu gravieren oder zu treiben, war eine umständliche, viel Geduld und Sauberkeit erfordernde Sache. Deshalb verwandelte sie sich hier bald in konzentrische Kreise, die sehr leicht mit einem Zirkel herzustellen waren, und die sie verbindenden Linien wurden zu Tangenten.

Noch weiter aber veränderte sich die Spirale zum Teil unter südlichen Einflüssen in der jüngeren Bronzezeit (1300-800 v. Chr.), so daß ihr ursprünglicher Charakter oft kaum wiederzuerkennen ist. Es entstand das wie eine Welle überkippende Ornament, das dem „laufenden Hund" der griechischen Ornamentik entspricht. Ferner entwickelte sich die Spiralverschlingung zu zwei dicken Wülsten, die sich ineinander haken und damit stark an das griechische „Flechtband" erinnerte.

Schließlich erhalten die umgerollten Wellen des „laufenden Hundes" einen hochgerichteten Kopf, dies erfolgte unter dem Einfluß der Hallstattkultur, in der die Vögel von ähnlicher Gestalt ein sehr beliebtes Motiv sind.

Aus der Spielerei mit der Spirale ging wohl auch die stilisierte Schiffsdarstellung hervorgegangen, die sich öfter auf Rasiermessern findet. Sehr häufig wirken bei Schalen und Näpfen die alten Flechtmotive noch nach, die umlaufenden Bänder wurden aber dem Metallstil gemäß in Punktreihen aufgelöst, die mit dem Punzen geschlagen wurden. Auch die Einteilung der runden Fläche blieb noch lange von der durch Flechten entstandenen Gewohnheit abhängig, sei es nun, daß es sich um Haarnadelköpfe handelt oder um Brustgehänge, um Schilde oder um Trinkschalen.

Symbolik

Die Spirale ist eines der vielschichtigen, sehr alten Symbole, und darum spricht sie, wann immer wir ihr in einem Ornament begegnen, auch unsere Seele an. Die Kelten betrachteten sie Spiralen als Symbol für die Kreisläufe des Lebens. Der Linie, die sich um einen Mittelpunkt windet und dabei immer weiter nach außen gerät, wohnt eine Dynamik inne, die konzentrische Kreise im Vergleich dazu nicht aufweisen. Die Spirale verkörpert einen Kreislauf, eine Weiterentwicklung von innen nach außen oder von außen nach innen, von oben nach unten oder von unten nach oben. In jedem Fall aber ist es eine Entwicklung, die man in der Spirale erkennt.

Für den irdischen Betrachter beschreibt die Sonne im Verlauf des Jahres eine spiralförmige Bahn um die Erde: Sie steigt im Frühjahr in immer größer werdenden Kreisen bis zum Mittsommertag auf und wickelt sich dann bis zur Wintersonnenwende wieder ein. Diese Beobachtung mag die Erbauer von Newgrange dazu bewegt haben, die sich ein- und auswindenden Spiralen auf die Steine zu gravieren.

Spiralformen in der Natur

Spiralen hat auch die Natur hervorgebracht, im ganz Großen wie im ganz Kleinen. Spiralförmig ist die Milchstraße, unzählige ferne Galaxien, spiralförmig sind die Spuren subatomarer Teilchen in den Nebelkammern der Teilchenbeschleuniger. Schneckengehäuse sind spiralförmig und Wasserstrudel, Wolken und Wirbelstürme; Schlangen rollen sich zu Spiralen ein; das Netz einer Spinne und das Sahnehäubchen auf Ihrem Kuchen bilden eine Spirale. Auch wer im mythologischen Kessel des Wissens der Ceridwens rührt, erzeugt eine Spirale in der Suppe.

Manche sind starr, manche bewegen sich, manche streben nach außen, andere nach innen. Das Leben des Menschen entwickelt sich vom Zeitpunkt der Geburt bis zu seinem Lebensende ebenfalls spiralförmig: Jahr für Jahr entfernen wir uns weiter vom Anfang, wobei wir mehr Lebenserfahrung, Kenntnisse und Fähigkeiten gewinnen und unser Bewusstsein weiter entfalten. Geradlinig ist diese Bewegung nicht, sie führt in einem gleich bleibenden Muster um unsere Persönlichkeit herum. Diese Erfahrung macht man, wenn man beispielsweise Fehler wiederholt und jedes Mal etwas Neues daraus lernt.

Dynamik der Spirale

Die Spirale symbolisiert die Weiter-und Höherentwicklung, wenn sie sich entwindet. Entwickeln ist entfalten, etwas aus dem hervorholen, was schon enthalten ist. Ein Embryo entfaltet sich im Mutterleib, ein in Ei und Samen eingefalteter Prozess setzt diese Entwicklung in Gang. Ein Mensch entfaltet sich im Leben, usw.

Die Spirale symbolisiert auch die umgekehrte Dynamik des Einrollens. Gemeint ist der Vorgang des Einfaltens. Wir lernen beständig und betten das Gelernte in uns ein. Erst lernen wir Buchstaben, dann können wir lesen. Das Wissen um die Buchstaben ist in unser Bewusstsein eingefaltet. Wenn wir lesen können, nehmen wir Informationen auf, ohne an die Buchstaben zu denken. Jetzt ist es der Inhalt, der eingefaltet wird, der anschließend immer verfügbar ist. Er wird aber während des Prozesses des Einfaltens mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft, und es erwachsen neue Erkenntnisse daraus.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Schlesiens Vorzeit in Bild und Schrift (Internet Archive). Schlesischer Altertumsverein, Breslau; Verein für das Museum Schlesischer Altertümer. Breslau : Grass, Barth & Co., 1869. Bd. II. S. 9.
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