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Das vollständig punktierte Runenalphabet, auch Mittelalterliche Runen genannt, entstand in Norwegen um ca. 1100 n. Chr. oder etwas später. Es ist auf dem lateinischen Alphabet aufgebaut und durch wurde eine Auswahl und eine Zusammenarbeitung der schwedisch-norwegischen und der dänischen Runen gebildet.

Beschreibung

Um 1100 n. Chr. wurde das 16-typige dänische Runenalphabet durch die vollständig punktierten Runen abgelöst. Dieses Alphabet wurde bald allgemein angewendet als Schrift der volkstümlichen Kultur sowohl in Norwegen wie in Dänemark und Schweden. Es hielt sich das ganze Mittelalter hindurch lebendig und wurde in gewissen Gegenden noch bis weit in die Neuzeit angewendet.

Während die dänischen Runen in Schweden die schwedisch-norwegischen Runen so gut wie ganz verdrängten, ersetzten sie in Norwegen im 11. Jhd. nur einen Teil der einheimischen Runenformen. Hier entstand also in höherem Grade als sonstwo eine Formenmischung, die die Voraussetzung für die Differenzierung der Zeichenwerte war, welche zur Bildung eines Runenalphabetes führte, das in seinem inneren Bau im Wesentlichen mit dem mittellateinischen übereinstimmte, aber außerdem von der alten Runenschrift einige Zeichen für speziell nordische Laute übernahm.

Übersicht

Nr. Rune
Var. 1
Wert
1
Rune
Var. 2
Wert
2
Rune
Var. 3
Wert
3
Name
1. A AE (æ) Ar (Jeran)
2. 𐌁 B 𐌁 B Berkano
3. C C
4. D D, DH ~ ~ T Tiwaz (Tyr)
5. E E (isl.) Isa
6. F W V Fehu
7. G G NG Kaun (Eng)
8. H ʒ Hagalaz
9. I J Isa
10. K K Kaun
11. L L Laguz
12. M M Mannaz (Madr)
13. N ᚾ / ᛀ N Naudiz
14. O Ö ON Oss
15. P P (isl.) Berkano
16. Q (K) NG Q Kenaz (Eng)
17. R R Raido
18. ᛌ / ᛍ S S S Sowilo
19. T ~ ~ T Tiwaz
20. TH D DH Eth (Ð) Thurisaz
21. U W W Uruz
22. V V Fehu (Uruz)
23. X (Eolhx)
24. Y ᚤ / ᚣ Y (Ü) Yr / Uruz
25. ʀ (isl.) Yr (Algiz)
26. Z 𐌋 S (isl.) Algiz (El)
27. Æ (AE) Æ (AE) Ar
28. Ø (OE) Oss

Entwicklung

Zum ersten Mal treten sogenannte punktierte Zeichen in Dänemark unter den dänischen Runen gegen Ende des 10. Jhds. auf, und zwar für die Runen für k, i und u, die damals durch Anbringung eines Punktes in der Mitte des Hauptstabes oder zwischen Hauptstab und Beistrich den Lautwert g, e und y bekamen.

Die ältesten Belege treffen wir auf Runensteinen aus der Zeit von 980-990 n. Chr. Diese Zeichen werden jedoch nicht konsequent, sondern sporadisch angewendet, sogar auf derselben Inschrift. Dabei finden sich die ersten punktierten Runen auf den Hällestadstein I und dem gleichzeitigen Runenstein von Sjörup in Schonen. In der Aufzeichnung der dänischen Runenreihe in einer englischen Handschrift von ca. 1000 n. Chr. stehen sie nach den 16 gewöhnlichen Runen in der Reihenfolge 17. ü, 18. g, 19. e.

Nr. Rune
(dän.)
Wert
(dän.)
Name Rune
(punkt.)
Wert
(punkt.)
17. U Uruz Ü
18. K Kenaz G
19. I Isa E

Die ersten punktierten Runen traten in Dänemark zu einer Zeit auf, als dieses Land in enge Berührung mit England kam - in der zweiten Periode der Wikingerzeit (980-1050 n. Chr.). Und als einmal der Anfang gemacht war, fuhren die Bewohner des Nordens damit fort und punktierten nach diesem Muster vorläufig weitere Runen (k und i). Die konsequente Durchführung der Punktierung und die Anwendung von punktierten Zeichen im Gegensatz zu und neben unpunktierten gehört indess einem späteren Zeitraum an.

11. Jahrhundert

Anfang des 11. Jhds. traten die ersten punktierten Runen (u, k und i) mit den übrigen dänischen Runen in Norwegen wie Schweden auf, doch gelangen sie selten oder nie zu konsequenter Anwendung, und nicht alle Runenmeister wendeten sie an, so z.B. auch Asmund Kareson nicht.

Auch war es nicht die Vermehrung oder folgerichtige Anwendung der alten punktierten Typen, die den ersten neuen Anstoß zur Verbesserung des Zeichensystemes gab, sondern dieser Impuls kam von anderer Seite. In Norwegen und, wenn auch in geringerem Maße, in Schweden standen durch die sich während des 11. Jhds. fortsetzende Mischung der eindringenden dänischen Runentypen mit den alten schwedisch-norwegischen Typen teilweise nebeneinander, z.B. bei der A-Rune und dem Zeichen für y .

Wo die punktierten Runen zuerst in Anwendung kamen, kann nicht sicher ausgemacht werden. Nach dem einseitigen Beistrich der D-Rune () zu urteilen, wäre das in Norwegen geschehen, doch ist das Argument nicht zwingend, da wir diese Rune schon im 11. Jhd. in Dänemark auf Gunhilds Kruzifix antreffen.

12. Jahrhundert

Während der 1. Hälfte des 12. Jhds. erfolgte dann die weitere Ausbildung von neuen Typen der A-, U- und Yr-Rune für verschiedenen Lautwerte, und so erhielt man eigene Runenzeichen für a, e, i, o, u, y, æ und ø. Aber die Konsonanten wurden mit dem punktierten Runenalphabet auch weiterhin schlechter ausgedrückt als mit dem lateinischen Alphabet, welches der einheimischen Sprache angepasst war, was sich z.B. an den Explosiv-Lauten t / d, b / p und k / g zeigte. Erst gegen Ende des Jahrhunderts kam das Punktierungsprinzip dann auch hier zur Anwendung. Um 1200 finden wir diese punktierten Typen sowohl in Norwegen (Inschrift der Vinje kirke), als auch auf Gotland (Taufstein von Aakirkeby).

Auf Gotland treffen wir am Ende des 12. Jhds. oder etwa um 1200 (z.B. auf dem Taufstein von Aakirkeby) ein vollständig punktiertes Alphabet, das in wesentlichen Zügen von dem gewöhnlichen abweicht. Das gotländische Vokalsystem ist im Vergleich mit dem der übrigen nordischen Sprachen recht eigenartig. Wichtig in runologischer Hinsicht ist, dass e und æ, y und ø zusammenfallen in e bzw. y. Dies machte die für die anderen nordischen Sprachen notwendige Differenzierung zwischen der a- und æ-Rune wie die zwischen der o- und ø-Rune überflüssig. Daher fehlen die æ- und ø-Rune.

13. Jahrhundert

Erst gegen 1200 n. Chr. war das Zeichensystem, welches das „gewöhnliche vollständig punktierte Runenalphabet“ genannt wird, fertig ausgebildet. Im großen und ganzen blieben seine Zeichentypen während der ganzen Runenzeit dieselben in Norwegen wie in Dänemark und Schweden. Gotland hatte anfänglich ein selbständigeres Zeichensystem, doch erhielt sich das gotländische Runenalphabet nur teilweise, und während des 13. Jhds. drangen dann dort die im übrigen Norden geltenden Runentypen ein. Durch Raum und Zeit bedingte Unterschiede kommen jedoch auch sonst vor.

Runenzeugnisse

Die meisten (ca. 20) mit Runen versehenen dänischen Grabsteine und ungefähr ebenso viele Inschriften auf anderen kirchlichen Gegenständen, als Taufsteinen, Rauchkesseln, Glocken usw. gehören ins 13. Jhd. Zu den wichtigen Runenzeugnissen, welchem vom Jüngeren Futhark zu den punktierten Runen hinführen, gehören u.a.:

Hochmittelalter

  • der Runenstein von Stavanger. Ort: Norwegen, Rogaland. Zeit: um 1050-1100 n. Chr. Mit dem ersten Unterschied zwischen der a- und æ-Rune.
  • das Gunhild-Kruzifix. Ort: Dänisches Nationalmuseum in Kopenhagen. Zeit 1050-1150 n. Chr.
  • ein Knochenstück von Trondheim (N A282 | N 840 ?) [1]. Ort: Norwegen, Trondheim (NTNU Vitenskapsmuseet). Zeit: Ende 11. Jhd. Hier findet sich ebenfalls der Unterschied zwischen der a- und æ-Rune. Der y-Laut wird mit y, e mit der punktierten I-Rune bezeichnet. Wahrscheinlich wurde die Inschrift auf der Rippe zu magischem Zwecke angebracht.
    • Inschrift: „unak mæyiu [ik] uilat rio ælens fulæ uif ækia hakaþi.“
    • Übersetzung: „Ich liebte sie als Mädchen; aber ich werde sie als Erlands verabscheuungswürdige Gattin nicht belästigen. Wenn sie Witwe wird, dürfte sie mir gut passen."
  • der Runenstein von Flatdal. Ort: Norwegen, Telemarken (jetzt Kulturhistorisches Museum in Oslo). Zeit: Mitte 12. Jhd.
  • die Maeshowe. Ort: Schottland, Orkneyinseln (Mainland). Zeit: Mitte 12. Jhd. (Runeninschriften).
  • der Taufstein von Aakirkeby. Ort: Dänemark, Bornholm. Zeit. ca. 1200 n. Chr.
  • die Sigurd Jarlssons Runen (N 170) in der Vinje kirke (Telemark). Ort: Norwegen, Vinje (Telemark). Zeit: 1197-1201 n. Chr.
  • die alte Glocke der Kirche von Saleby (Vg 210). Ort: Saleby kyrka (Västergötland). Zeit: 1228 n. Chr.

Spätmittelalter

  • der Runenstein von Mulde (G 163). Jahr: 1275-1300. Ort: Mulde (Gotland).
  • der Codex Runicus (AM 28 8vo). Ort: Arnamagnäanische Sammlung (Kopenhagen). Zeit: um 1300 n. Chr.
  • der Computus Runicus. Zeit: 1328 (Transkription von 1626). Gotländischer Runenkalender.
  • die Marienklage (Fragment „SKB A 120“). Mariaklagen. Marias klagan vid korset. Zeit: 1300-1350. Herkunft: dänisch (schonisch) abgefasst, in Schweden gefunden. Ort: Königliche Bibliothek zu Stockholm (Kungliga Biblioteket).
  • der Runenstein (G 99) von Lye kyrka. Zeit: 1449. Ort: Lye kyrka (Gotland).
  • der Schürhaken von Kullans (G 78). Zeit: 1487 n. Chr. Ort: Kullans, Gerums socken (Gotland).

Renaissance

Noch im Beginn der Neuzeit wurde die Anwendung der Runen in Skandinavien traditionell aufrecht erhalten. Der dänische Admiral Mogens Gyldenstierne († 1569) schrieb noch 1543 fünf Seiten in seinem Loggbuch mit Runen, und sein Verwandter Bendt Bilde hinterließ ebenfalls einige in Runen geschriebene Aufzeichnungen.

In Schweden haben wir aus dem Anfang des 16. Jhds. mehrere kürzere Runenaufzeichnungen. So bezeichnete sich z.B. der Buchdrucker Paul Grijs in Uppsala mit Runen als Eigentümer einer in der Universitätsbibliothek verwahrten Inkunabel. In den Gegenden von Gotland und dem oberen Dalekarlien halten die Bewohner viele alte Sitten und Traditionen bis auf unsere Tage besonders aufrecht und so blieben Runen hier länger als anderswo in Brauch.

Lillhärdalstolen Runeninschrift, Sophus Bugge 1897

Inschrift des Lillhärdal-Stuhls in dalekarlischen Runen (um 1600)

Bis ins 18. Jhd. hinein hielten sich die Runen im oberen Dalekarlien, besonders in Älvdalen, und den angrenzenden Gebieten von Härjedalen. Aus diesen Gegenden kennt man ca. 250 Inschriften, die mit einem punktierten Alphabet geritzt sind, das besonders charakteristisch für Dalekarlien ist... → die Dalekarlischen Runen.

  • die Inschrift auf dem Stuhl von Lillhärdal (Lillhärdalstolen). Zeit: um 1600.
  • die Holzinschrift von Lokrume Kyrka (G 253). Zeit: 17. Jhd. (?)
  • die Inschrift der Sennerei Gessibodarna, westlich von Hållstugan. Zeit: 1708. In dieser Inschrift ist die u-Rune ersetzt worden durch lateinisch v. Transliteration: gud • b(e)vara • täta • avs. Übersetzung: „„Gott bewahre dieses Haus“.
  • die Inschrift der Åsen-Schale in Älfdalen. Zeit: 1749.

Galerie

Quellen

Einzelnachweise

  1. wahrscheinlich Knochenstück von Trondheim, Folkebibliotekstomta (N A282 | N 840) auf RuneS, im NTNU Vitenskapsmuseet (Trondheim, N). Inventarnummer: N-95829
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